Wie wir die Textilindustrie gemeinsam völlig verändern können

Wie wir die Textilindustrie gemeinsam völlig verändern können

Wie wir die Textilindustrie gemeinsam völlig verändern können 2000 1333 C2C LAB

Wir haben nicht jeden Tag eine Trägerin des Alternativen Nobelpreises bei uns zu Gast. Bei unserem digitalen C2C Summit Textiles & Supply Chain am 28.01.2021 war das mit einer Keynote der Autorin, Wissenschaftlerin sowie Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Dr. Vandana Shiva der Fall. Denn auf dem ganztägigen Summit ging es darum, wie die globale textile Wertschöpfungskette in Kreisläufe geführt werden kann, um so nicht nur Ressourcenverschwendung und Umweltschäden durch die Industrie  insbesondere in den Produktionsländern des Globalen Süden  zu beenden, sondern auch die sozialen Folgen daraus. 

Eines hat der C2C Summit mit Fokus auf den Globalen Süden ganz eindeutig gezeigt: Die globale Textilindustrie steht vor einem fundamentalen Wandel hin zu Kreislauffähigkeit und echter Nachhaltigkeit. Angesichts immer knapper werdender Ressourcen bei gleichzeitigem globalem Bevölkerungswachstum ist das der einzige Weg, zu positivem und gesundem Wachstum zu kommen. Mit Vertreter*innen von Unternehmen und NGOs sowie Politiker*innen diskutierten wir beim Summit jedoch nicht nur die Problemlage der Industrie, sondern auch Lösungen, die es bereits heute gibt. Zu der digitalen Veranstaltung hatten sich rund 300 Personen aus der Textilindustrie, der Politik, Verbänden und NGOs sowie der Zivilgesellschaft angemeldet.

Fast Fashion und Überproduktion führen zu wachsenden Müllbergen, richten Klimaschäden durch Treibhausgasemissionen an und verschwenden Ressourcen, sagte Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium (BMZ) in ihrem Eingangsstatement. Zwischen 2000 und 2015 habe die globale Textilindustrie ihr Produktionsvolumen verdoppelt. Gleichzeitig stehe der Sektor für rund 10 Prozent aller CO2-Emissionen – das entspricht der Menge, die Deutschland, Russland und Japan zusammen emittieren. Auch angesichts des hohen Wasserverbrauchs des Sektors sei es „keine Überraschung, dass die Textilindustrie der weltweit zweitgrößte Verschmutzer ist“, so Flachsbarth. Mit den Umweltschäden und der Ressourcenverschwendung gingen negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen einher, die sich durch COVID-19 vergrößert hätten. Es brauche daher einen Textilsektor, der ein Minimum an Ressourcen verbrauche, die Entstehung von Müll vermeide und Fasern wiederverwerte, so die CDU-Politikerin.

“Cradle to Cradle kann uns dabei helfen, eine Kreislaufwirtschaft im Textilsektor zu erreichen. Der Ansatz, der den Produktionsprozess im Ganzen betrachtet und intelligentes Produktdesign nutzt, zielt auf geschlossene Kreisläufe ab. Das Konzept gewinnt in der Zusammenarbeit für nachhaltige Textilien immer mehr an Bedeutung, und auch bei der Entwicklung des Grünen Knopf, unserem staatlichen Siegel für nachhaltig produzierte Textilien“, so Flachsbarth abschließend.

Doch nicht nur der Umwelt- und Ressourcenaspekt spielt bei Cradle to Cradle als ganzheitlichem Ansatz eine Rolle, sondern auch, dass Materialien, die zu Textilien verarbeitet werden, frei von jeglichen Schadstoffen sind. Sie dürfen weder beim Tragen noch bei der Herstellung gesundheitliche Schäden hervorrufen. Das ist heute nicht der Fall. Bei Baumwolltextilien sorgen giftige Farbstoffe und Pigmente oder Prozesschemikalien dafür, dass sie gesundheitliche Schäden hervorrufen können. Bei synthetischen Fasern kommen Additive und Katalysatoren hinzu. Insgesamt ist der Großteil der Textilien auf dem Markt nicht für Hautkontakt geeignet. 

„Innerhalb einer globalen Wertschöpfungskette ist es wichtig, welche Qualität alle eingesetzten Substanzen haben – ob Fasern, Garne oder Farbstoffe. Wir brauchen Textilien, die für Hautkontakt gemacht sind und entweder im technischen oder im biologischen Kreislauf zirkulieren können. So können wir Ressourcenverschwendung und die Entstehung von Müll beenden. Insbesondere auch in jenen Produktionsländern des Globalen Süden, in denen die heutigen Umweltbelastungen durch die Textilindustrie direkte soziale Folgen haben”, so Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen. 

Im ersten Panel diskutierten Dr. Ulf Jaeckel, Leiter des Referats Nachhaltiger Konsum und produktbezogener Umweltschutz im Bundesumweltministerium (BMU), Simone Cipriani, Gründer der Ethical Fashion Initiative und Chairman der UN Alliance for Sustainable Fashion, Patrik Lundström, CEO & Gründer des Textilfaserrecyclers Renewcell und Rob Kragt, Leiter CSR Communications & Training Manager EMEA beim französischen Fußbodenbelagshersteller Tarkett über die Herausforderungen der Textilindustrie und darüber, welche Anpassungen es bei politischen Rahmenbedingungen braucht, um diese anzugehen. 

Echte Preise und Eigeninitiative 

Jaeckel sagte, das Bewusstsein, dass der Sektor nachhaltiger werden müsse sei in der Politik angekommen. Bei der Umsetzung von Maßnahmen müsse die gesamte Wertschöpfungskette adressiert werden. „Die EU-Strategie für nachhaltige Textilien, die zum Ende des Jahres stehen soll, wird genau dies abdecken“, so Jaeckel. Die Strategie befindet sich derzeit auf EU-Ebene in der Konsultationsphase. Eine Studie zur Kreislaufwirtschaft im Textilsektor, die Cradle to Cradle NGO gemeinsam mit Adelphi im Auftrag der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) für das BMZ erstellt hat, ist darin enthalten. Allerdings räumte Jaeckel ein, dass kreislauffähiges Design heute noch nicht in gesetzlichen Standards enthalten sei. Die staatlichen Siegel Blauer Engel und Grüner Knopf würden zwar gerade überarbeitet. Welche Kriterien dann einfließen hänge auch davon ab, welche Standards möglich seien und bevorzugt würden. „Wir sprechen dabei auch mit der Textilindustrie, denn wir wollen, dass diese die Standards auch akzeptiert“, so Jaeckel. Simone Cipriani zeigte sich zuversichtlich, dass diese Akzeptanz bei Kreislauffähigkeit und Cradle to Cradle gegeben wäre. „Bisher hat die Industrie ein paar Elemente von Nachhaltigkeit adaptiert, anstatt ihr Geschäftsmodell radikal zu ändern. Das ist aber nicht länger tragbar, denn eine gesamte Wertschöpfungskette lässt sich ohne einen systemischen Wandel nicht nachhaltig und kreislauffähig gestalten“, sagte er. Heute mache sich die Industrie erstmals Gedanken über diese Zusammenhänge, da COVID-19 alle Probleme der Branche verschärft habe. Für ihn muss politisch die Internalisierung externer Kosten, die durch Umwelt- und Gesundheitsschäden bisher der Gesellschaft angelastet werden, ganz oben auf der Agenda stehen. Damit, so Cipriani, könnten Investitionen großer Modekonzerne in echte Nachhaltigkeit sowie Konzerne, die sich nicht bemühten, ganz anders bewertet werden. Patrik Lundström verwies darauf, dass sich in diesem Jahrzehnt das Volumen von Textilfasern auf dem Markt von 110 auf 160 Millionen Tonnen erhöhen werde. Sein Unternehmen Renewcell sei heute der einzige Anbieter ausschließlich recycelter Zellulosefasern und verzeichne großes Interesse aus der Industrie und arbeite unter anderem mit H&M und Levis zusammen. “Aber wir sind nicht in der Lage, Recyclingkapazitäten in einem Maß aufzubauen, die das Wachstum von Fasern auf dem Markt erfordert. Das ist eine riesige Wachstumschance für Recyclingunternehmen, aber wir müssen dafür skalieren und dafür sind Investitionen in Fabriken nötig“, so Lundström. Es sei positiv, dass sich die EU mit besseren Sammel- und Recyclingsystemen für Textilien beschäftige. Sie müsse aber auch die dafür erforderliche Infrastruktur fördern. Rob Kragt von Tarkett appellierte indes an die Industrie, mutig mit kreislauffähigen Innovationen voran zu gehen. Die vollständig recycelbaren Teppichfliesen des Unternehmens seien ohne die eigentlich dafür erforderlichen politischen Rahmenbedingungen entwickelt worden. “Auch auf das Risiko hin, damit zunächst Geld zu verlieren. Wir brauchen Gesetze und müssen Verschmutzung und Gesundheitsschäden besteuern. Aber die Initiative zum Wandel kann innerhalb der Industrie entstehen“, so Kragt.

Im zweiten Panel lag der Fokus auf jenen Regionen, in denen für den weltweiten Textilkonsum Rohstoffe angebaut und verarbeitet werden. Aneel Kumar Ambavaram, Gründer & CEO der Kleinbauerninitiative Grameena Vikas Kendram in der indischen Provinz Andhra Pradesh und dem Programm RESET (Regenerate the Environment, Society & Economy through Textiles), Tina Stridde, Geschäftsführerin der Aid by Trade Foundation (Dachorganisation der Cotton made in Africa Initiative), Mansoor Bilal, VP Marketing, Research & Innovation des pakistanischen Jeans-Herstellers Soorty Enterprises sowie Ebru Debbag, Director Global Sales & Marketing von Soorty Enterprises, tauschten sich dazu mit Katja Hansen, C2C-Expertin und Beirätin C2C NGO, aus. 

Nachhaltige Landwirtschaft im Global Süden hilft Kleinbauer*innen dort

Insbesondere in den Produktionsländern führe die heutige Produktions- und Konsumweise von Baumwolltextilien zu Armut und Umweltverschmutzung, sagten Ambavaram und Stridde. Beide Initiativen arbeiten mit kleinen Baumwollbauer*innen zusammen, die eine nachhaltige Landwirtschaft ohne genetisch veränderte Samen und Pestizide pflegen. Die Initiativen bieten Weiterbildung und, im Falle von Cotton made in Africa, organisieren den Weiterverkauf bis in den Handel. In den vergangenen Jahren sei das jährliche durchschnittliche Haushaltseinkommen der Baumwollbauer*innen in der RESET-Initiative um 30 Prozent gestiegen da sich die Anbaukosten durch die Maßnahmen halbiert hätten. „Für die Bauern war es eine große Umstellung und ein großes Risiko, so zu arbeiten. Es ist einfacher, Pestizide zu versprühen. Aber unser Erfolg zeigt uns, dass wir einen Beitrag dazu leisten können, direkt am Anfang der Wertschöpfungskette in Kreisläufen zu denken“, sagte Ambavaram. Stridde ist überzeugt davon, dass Cotton made in Africa auch deshalb erfolgreich sei, weil die Nachfrage nach nachhaltigen Textilien steige. „Das Thema Nachhaltigkeit geht nicht mehr weg. Konsument*innen denken mehr darüber nach, welche Auswirkungen ihre Aktivitäten und ihr Konsum haben. Sie haben damit eine wichtige Rolle und machen Druck auf Händler und Marken“, so Stridde. Eine solche Marke ist der pakistanische Jeans-Hersteller Soorty, der als weltweit erster Textilherstellende sein gesamtes Sortiment, von Baumwollnähgarn bis zu fertigen Geweben und Kleidungsstücken, nach dem Cradle to Cradle-Standard in Gold zertifizieren konnte. Cradle to Cradle sei ein ganzheitlicher Ansatz, da er den gesamten Lebenszyklus eines Produkts inklusive des Designs hinterfrage, so Ebru Debbag. Das sei auch das Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie von Soorty gewesen. Die Umsetzung von Cradle to Cradle bei Soorty dauerte gut 2 Jahre, sagte Mansoor Bilal. Das Ziel der Soorty-Kund*innen, Kollektionen schnell auf den Markt bringen zu wollen, habe diese Entwicklung jedoch immer wieder erschwert. „Es gab Kunden, die uns vorschlugen, bei der Umsetzung doch etwas weniger strikt zu sein und weniger strenge Standards zu setzen. Aber das ist für uns nicht der Sinn von Nachhaltigkeit“, so Bilal. Im Globalen Süden seien die fatalen Auswirkungen der heutigen Textilproduktion besonders groß, so Debbag. „Die Gesetzgebung, auch in Europa, muss diese Konsequenzen berücksichtigen“, so Debbag.

Im dritten Panel sprachen Friederike Priebe, Team Lead Cradle to Cradle Textiles bei EPEA – part of Drees & Sommer, Alexander Meyer zum Felde, Partner & Associate Director, Sustainability & Circular Economy bei Boston Consulting Group, Andreas Bothe machte als Leiter CSR & Sustainability der Bay City Textilhandels GmbH und Mesbah Sabur, Co-Gründer und Geschäftsführer des Technologieunternehmens Circularise darüber, wie sich zirkuläre Produkte und Geschäftsmodelle skalieren lassen. 

Priebe berät Unternehmen auf dem Weg zur Produktzertifizierung nach Cradle to Cradle und unterstützt bei der dafür erforderlichen Umstellung sämtlicher Geschäftsprozesse. Seit den 70er-Jahren sei in der Textilindustrie viel Wissen um Materialgesundheit verloren gegangen, da die Märkte immer schneller wurden und Profit zunehmend über Qualität gestellt wurde. „Eines unserer Ziele ist es, nicht nur ein C2C-Produkt zu erstellen, sondern den Prozess dahinter in einem Unternehmen zu skalieren“, sagte sie. Dabei spiele es eine große Rolle, wieder in ganzheitlichen Systemen zu denken. Meyer zum Felde begleitete unter anderem C&A dabei, Cradle to Cradle-Textilien auf den Markt zu bringen. „Seit drei oder vier Jahren sehen wir erstmals, dass kommerzieller Erfolg direkt mit verantwortungsvollem und nachhaltigem Verhalten zusammenhängt“, sagte er. Nutze eine Marke etwa biologisch abbaubares Bleichmittel sei dies zwar doppelt so teuer als konventionelle Produkte. Dafür fielen in den Hauptproduktionsländern der Textilindustrie dadurch deutlich geringere Kosten für die Nachbehandlung des eingesetzten Wassers an. Auch das habe dazu beigetragen, dass die C2C-Textilien von C&A im Handel gleich viel kosten wie die konventionellen Kleidungsstücke. Die eigenen Zuliefernden auf dem Weg hin zu Cradle to Cradle in der Massenproduktion mitzunehmen sei indes nicht immer einfach, sagte Andreas Bothe. Zumindest sei dies der Fall gewesen, als Bay City 2016 mit den ersten Nachhaltigkeitsinitiativen in Richtung Cradle to Cradle startete. „Wir konnten hartnäckig bleiben, weil unsere Inhaber voll hinter unseren Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit bei den Zulieferern standen“, so Bothe. Das Unternehmen produziert auch für Dritte und war bereits an einem C2C-Projekt für einen großen Textilhändler beteiligt, in dem C2C-Textildruckfarben zum Einsatz kamen. Ende des Jahres soll nun auch eine C2C-Kollektion unter eigener Marke auf den Markt kommen. Es sei auf dem Weg zu C2C wichtig, den Dialog zwischen Herstellenden und Zuliefernden transparent zu führen, sagte Bothe. Diese Transparenz durch Technologie zu unterstützen ist das Ziel von Mesbah Sabur. Circularise will mit dem dezentralen Blockchain-System Unternehmen auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft unterstützen. Die Blockchain sei zwar nicht der einzige Weg, Transparenz in eine Lieferkette zu bringen, so Sabur. Im besten Fall aber sei eine solche Blockchain eine ideale und sichere „offene Plattform, um die Herkunft und die Qualität von Rohstoffen und Materialien nachzuverfolgen und auch zu verifizieren“.

C2C, um dem Klimawandel zu begegnen

In ihrer Abschluss-Keynote ging die Menschenrechts- und Umweltaktivistin, Autorin und Wissenschaftlerin Dr. Vandana Shiva erneut darauf ein, dass durch die Internalisierung externer Kosten ohne Ressourcenverschwendung günstiger produziert werden könnte. Daher brauche es eine Kreislaufwirtschaft mit entsprechenden politischen Anreizen auf globaler Ebene in der Textilindustrie, sagte sie. Menschenrechtsverletzungen, Gesundheitsschäden und der Klimawandel seien letztlich alles Symptome derselben Krise: Die Überschreitung der planetaren Grenzen. „Wir müssen daher C2C-Modelle entwickeln, um Produktionssysteme auszubauen, die die Biodiversität regenerieren und den Klimawandel umkehren“, so Shiva.