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Digitale Winter-Akademie 2021: So vielfältig wie noch nie

Digitale Winter-Akademie 2021: So vielfältig wie noch nie 2560 1707 C2C LAB

Einen Vorteil hat es ja, dass wir unsere Veranstaltungen für die Ehrenamtlichen derzeit nur digital abhalten können, auch wenn uns der persönliche Kontakt mit unseren Aktiven fehlt: Wir können unsere Bildungsarbeit noch viel stärker in die Breite tragen. Das hat sich auch bei der Winter-Akademie 2021 gezeigt, die wir auch für Externe geöffnet haben und mit 450 Angemeldeten einen Rekord verzeichnen konnten. DIe Teilnehmenden waren eine bunte Mischung aus alten Hasen und C2C-Neulingen, die erste Einblicke in die C2C-Welt erlangen konnte. Von Politik bis Textil, von der Diskussionsrunde bis zum Filmabend war im Programm alles dabei.

Nach der letzten Akademie hatten wir unsere Hausaufgaben gemacht, die Teilnehmenden um Feedback gebeten und so ein vielfältiges Programm zusammengestellt, das sich sowohl durch inhaltliche Breite als auch durch verschiedene Veranstaltungsformate ausgezeichnet hat. Und natürlich wollten wir unseren Aktiven trotz des digitalen Formats auch Raum für Vernetzung und Austausch geben. So stand jeden Abend nach dem letzten Programmpunkt allen Teilnehmenden noch ein Zoom-Raum zum Quatschen und virtuellen Feierabendbier trinken zur Verfügung, der auch viel und gerne genutzt wurde.

Den Auftakt machten wir am Montag mit einem politischen Abend. Nach einer Begrüßung durch Nora und Tim und unser Ehrenamtsmanagement-Team Gentry und Marie starteten wir mit einem politischen Grußwort vom parlamentarischen Staatssekretär des Bundesumweltministeriums Florian Pronold. Er betonte, wie wichtig die Fortschritte sind, die wir im Bereich Kreislaufwirtschaft schon erreicht haben. Um das Thema weiter voran zu bringen, brauche es Organisationen wie C2C NGO: “Initiativen wie die Cradle to Cradle NGO bringen uns voran. Diesen Druck braucht es, damit wir schnell vorankommen mit einer Kreislaufwirtschaft, die diesen Namen auch verdient.”

Im Anschluss ging es direkt weiter einer parteiübergreifenden Podiumsdiskussion. Dr. Bettina Hoffmann (Sprecherin für Umweltpolitik Bündnis 90/Die Grünen), Ralph Lenkert (umweltpolitischer Sprecher Die Linke) und Hagen Reinhold (Mitglied im Ausschuss für Bau & Stadtentwicklung FDP) diskutierten lebhaft darüber, welche politischen Hebel es für eine Wirtschaftstransformation nach Cradle to Cradle gibt und welche Hindernisse einer Umsetzung möglicherweise im Weg stehen könnten. Einen wichtigen Ansatzpunkt sahen die Politikerinnen im Produktdesign. Lenkert und Hoffmann betonten beide, dass Produkte so designt werden müssen, dass sie modular, langlebig und reparierbar sind. Nora ergänzte als Moderatorin, dass Langlebigkeit aus Cradle to Cradle Sicht gar nicht immer wünschenswert sei, da zum Beispiel langlebige Chemikalien im falschen Nutzungsszenario auch lange schädlich für Mensch und Umwelt sein können. Zur Frage, in welchem Maße wir Regulierungen von politischer Seite brauchen, um Cradle to Cradle umzusetzen, gab es unterschiedliche Meinungen. Reinhold zeigte sich kritisch und schlug statt Regulierung Innovationen und technische Lösungen vor. Wachstum, Nachhaltigkeit und freie Wirtschaft schlössen sich nicht aus, so Reinhold. Hoffmann stellte den CO2-Preis als gutes Lenkungsmittel dar und betonte, wie wichtig politische Rahmenbedingungen auch für die Planungssicherheit von Herstellenden sind. Einigkeit herrschte beim Thema Subventionen. Umweltschädlich Subventionen müssten abgeschafft werden. Als Bundestagsabgeordnete sind die drei Politikerinnen in einer Position, dies auch wirklich umzusetzen und wir als NGO hoffen, dass es dazu bald kommt. Dieser politische Abend bildete einen spannenden und informativen Auftakt unserer Winter-Akademie.

Projekte aus dem Ehrenamt und C2C in der Wissenschaft

Welche spannenden Projekte kommen eigentlich aus dem C2C-Ehrenamt? Diese Frage beantworteten wir während unserer Aktivenbühne. Ian (C2C Trainer und Sprecher AK Seminare) führte uns durch diese Session, in der wir uns über zwei Inputs aus dem Ehrenamt freuen durften. Den Beginn machte Steffen, der sein Start-up Runamics vorstellte. Er selbst stand bis vor kurzem vor dem Problem, dass er beim Laufen eigentlich komplett in Plastik gekleidet war, da es noch keine Laufbekleidung gab, die nachhaltig und kreislauffähig ist. Also gründete er kurzerhand sein eigenes Unternehmen, mit dem er nun Cradle to Cradle-Sportbekleidung herstellt. Er teilte hilfreiche Tipps und Tricks für die Gründung eines C2C-Start-ups, von denen es hoffentlich in Zukunft viel mehr geben wird. Im zweiten Input der Aktivenbühne ging es um Städte und Kommunen. Philipp (Sprecher Regionalgruppe Tübingen) und Lorena (Referentin Städte und Kommunen bei C2C NGO) gaben Einblicke in ihre Arbeit und teilten Ratschläge, wie man Cradle to Cradle am besten in die eigene Kommune bringt, und wen man dafür wie ansprechen muss. Wir hoffen natürlich, dass alle Teilnehmenden dieser Session die Tipps direkt in die Praxis umsetzen werden.

Der nächste Programmpunkt stand ganz im Zeichen der Wissenschaft und Forschung. Dazu hatten wir drei Professoren eingeladen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Cradle to Cradle beschäftigen: Prof. Dr. Erik Hansen von der Johannes Kepler Universität Linz, Prof. Dr. Cornelius Herstatt von der TU Hamburg und Prof. Dr. Dodo zu Knyphausen-Aufseß von der TU Berlin. Sie sprachen mit Nora vor allem darüber, wie weit Cradle to Cradle als Qualitäts- und Innovationskonzept schon in der wissenschaftlichen Debatte angekommen ist. Prof. zu Knyphausen-Aufseß gab zu Bedenken, dass die  Wissenschaft traditionell linear und in klaren Argumentationsketten denkt. Um zirkuläre Systeme und Cradle to Cradle zu erforschen, sei auch in der Wissenschaft ein Umdenken notwendig. Auch in der Lehre sahen die drei Professoren noch Potenzial. In einigen Studiengängen und Vorlesungen, wie beispielsweise im Innovationsmanagement, werde das Thema Cradle to Cradle aber bereits behandelt. Eine spannende Debatte, die den Zuschauenden Einblicke in die Welt der Wissenschaft lieferte.

Von zirkulärer Landwirtschaft bis zu gesunden Druckprodukten

Nach Politik und Wissenschaft stand am Mittwoch das Thema Landwirtschaft auf dem Programm. Christoph erklärte den Zuschauenden was eigentlich regenerative Landwirtschaft ist und welche Gemeinsamkeiten es zu Cradle to Cradle gibt. Von Andi bekamen wir einen Input zu zirkulärer Landwirtschaft und wie Biokohle dabei effektiv eingesetzt werden kann. Diese wird schon seit Jahrhunderten von der indigenen Bevölkerung Südamerikas zur Steigerung der Fruchtbarkeit von Böden genutzt und kann heutzutage außerdem zur Bindung von Kohlenstoff dienen. Diese Session zeigte den Teilnehmenden, wie wichtig eine nachhaltige Landwirtschaft u. a. für das richtige Kohlenstoffmanagement ist.

Weiter ging es mit einer kurzen internen Social Media-Fragerunde. Birgit und Gesche aus dem Kommunikationsteam der Geschäftsstelle beantworteten Fragen zur Social Media-Arbeit der Initiativen, um den Aktiven dabei zu helfen, Cradle to Cradle auch in den sozialen Medien bekannter zu machen.

Den letzten Programmpunkt am Mittwoch übernahm Katja Hansen, C2C Expertin und Beirätin unserer NGO. Sie berichtete von der Arbeit der Healthy Printing Initiative, die sich für Druckprodukte einsetzt, die gesund für Mensch und Umwelt sind. Katja berichtete von Praxisbeispielen, bei denen Unternehmen die Kriterien der Healthy Printing Initiative bereits umsetzen. So setzt der Brauereikonzern Carlsberg beispielsweise auf gesunde Druckfarben für seine Bierflaschenetiketten. Besonders spannend für alle Aktiven: Am Ende der Session wurde Katja auf den “Hotseat” gesetzt und die Zuschauenden konnten Fragen zu allen C2C-Themenbereichen loswerden. Als langjährige C2C-Expertin wusste Katja so einiges zu berichten, sodass wir die Teilnehmenden auch am Ende des dritten Akademietags mit vielen neuen Informationen in den Feierabend schicken konnten.

Teamdynamik im Ehrenamt und Cradle to Cradle in Bau & Architektur

Den vorletzten Akademietag leiteten wir mit einer internen Session zum Thema Teamdynamik und Empowerment im Ehrenamt ein. Unser Ehrenamtsmanager Gentry gab den Aktiven dabei viele hilfreiche Tipps für ihre Arbeit in den Initiativen an die Hand, zum Beispiel wie man durch kurze Check-ins zu Beginn von Meetings den Teamzusammenhalt steigern kann. Um auch die Vernetzung zwischen den Initiativen weiter zu fördern, stand als nächstes ein digitales Dinner Date an. Auch wenn ein gemeinsames Kochen corona-bedingt nicht möglich war, haben wir uns zumindest virtuell zusammengefunden, um gemeinsam zu essen, uns austauschen und neue Gesichter kennen zu lernen.

Weiter ging es mit einem C2C-Klassiker: Das Thema Bau und Architektur. Dazu hatten wir Jörg Finkbeiner, Geschäftsführer von Partner und Partner Architekten, eingeladen, der den Zuschauenden von vielen Praxisbeispielen aus dem C2C-Bau berichten konnte. Er stellte zum Beispiel das WoHo in Kreuzberg vor, mit dem das höchste Holzhochhaus der Welt entstehen soll. Und auch Verwaltungsgebäude können nach Cradle to Cradle gestaltet werden. “Die Frage, ob wir zirkulär bauen können, stellt sich uns gar nicht: Es ist alles möglich!”, äußerte sich Jörg optimistisch. Moderiert wurde die Session von Johannes, Sprecher des Bündnis Bau & Architektur. Für die vielen Bau-Expert*innen in unserem Netzwerk sind solche Sessions immer eine gute Möglichkeit, mit Profis wie Jörg ins Gespräch und in den Austausch zu gehen.

Filmabend und Diskussion zum Thema Textil

Für unseren letzten Akademietag hatten sich Gentry und Marie etwas Besonderes ausgedacht. Nachdem Jan den Aktiven erläuterte, wie sie agiles Projektmanagement als Tool in ihrer ehrenamtlichen Arbeit nutzen können, kamen die Teilnehmenden am Abend zu einer virtuellen Movie Night zusammen. Gemeinsam schauten wir Episoden von “The Conscience of Clothing”, einem Filmprojekt der Rosa-Luxemburg-Stiftung, das Einblicke in die Textilindustrie Kambodschas gewährt. Zur Einordnung hatten wir Nadja Dorschner, Leiterin des Projekts, dazugeschaltet, die uns mit Hintergrundinformationen zum Film und zum Thema Textil versorgte. Zu der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von der Sprecherin des C2C Bündnis Textil Marlene, stießen Henning Siedentopp, CEO und Gründer von Melawear, sowie Lavinia Muth, Corporate Responsibility Managerin bei Armedangels, dazu. Gemeinsam mit Nadja diskutierten sie über das Lieferkettengesetz, faire Löhne in der textilen Wertschöpfungskette und die wahren Kosten von Produkten. Auch wenn sich die Diskussionsteilnehmenden einig waren, dass wir mehr Zirkularität in der Textilindustrie brauchen, gab es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wir das erreichen können. Lavinia zeigte sich eher kritisch gegenüber Siegeln wie dem Grünen Knopf oder gesetzlichen Regelungen wie dem Lieferkettengesetz, da diese oft lasch seien, die Umsetzung sehr lange brauche und die Kontrolle schwer zu gewährleisten sei. Henning sieht solche politischen Aktionen indes zumindest als einen ersten Schritt, um auf die Prozesse in der Textilindustrie Einfluss zu nehmen. Und auch um auf die ganzheitliche Weiterentwicklung solcher Siegel einwirken zu können. Ein weiterer wichtiger Schritt sei der Einsatz von Monomaterialien, wie zum Beispiel reine Bio-Baumwolle, der Recyclingprozesse erleichtern kann. Melawear und Armedangels sind in diesem Bereich schon auf einem guten Weg.

So kam unsere digitale Winter-Akademie zu ihrem Ende und wir freuen uns sehr darüber, dass das erste Feedback von Aktiven und externen Zuschauenden zur Akademie positiv ausgefallen ist. Nichtsdestotrotz freuen wir uns umso mehr darauf, bald wieder persönlich zusammenzukommen und uns mit der C2C-Community auszutauschen. Wir hoffen sehr, dass das zur nächsten Akademie im Sommer wieder möglich sein wird!

Energiewende und Ressourcenschutz zusammendenken

Energiewende und Ressourcenschutz zusammendenken 1280 960 C2C LAB

Am 18. Februar 2021 war die Ökonomin Prof. Dr. Claudia Kemfert zu Gast beim Cradle to Cradle LAB Talk. Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und lehrt als Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. Die Co-Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung berät zudem verschiedene Forschungseinrichtungen und die EU-Kommission. Mit ihrem Buch „Mondays for Future“ griff sie Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung auf und entwickelte Vorschläge für deren Umsetzung. Im Talk mit Tim sprach Kemfert über Instrumente für den Umstieg auf eine nachhaltige Wirtschaftsweise, einen ganzheitlichen Blick auf die Klima- und Ressourcenkrise und die Chancen, die Cradle to Cradle-Ansätze dafür bieten.

„Das heutige Wirtschaften ist keineswegs nachhaltig. Wir produzieren und konsumieren zulasten der zukünftigen Generationen – wir bräuchten vier weitere Planeten in Reserve, wenn wir so weitermachen wie bisher.“ So lautete die Bestandsaufnahme von Claudia Kemfert beim LAB Talk. Dass die heutige Form des Wirtschaftens Nachhaltigkeitsbelange weitestgehend ausblendet, verursache enorme volkswirtschaftliche Kosten, die wir schon jetzt heimlich in Form von Umwelt-, Gesundheits- und Klimaschäden bezahlen. Während aktuell Gewinne privatisiert werden, muss für externe Umwelt- und Klimakosten die Gesellschaft aufkommen. Dem gelte es entgegenzusteuern, sagte Kemfert. Indem Wirtschafts-, Klima- und Umweltschäden eingepreist und den Verursachenden in Rechnung gestellt werden, könne es gelingen, Anreize für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu schaffen. Momentan herrsche durch ein Narrativ, das Wirtschaftlichkeit an vorderste Stelle setzt, eine „Verschleierung der Kostenwahrheit“, die aufgedeckt werden müsse. Während Bilanzierungen von Finanzzahlen und Budgetierungen bereits selbstverständlich seien, müsse dies auch im Bereich der Nachhaltigkeit gelten. In den letzten Jahrzehnten sei diesbezüglich trotz internationaler Verpflichtungen zu wenig passiert, bemängelt die Ökonomin. Dank zivilgesellschaftlicher Bemühungen wie den prominenten „Fridays for Future“-Protesten ist heute eine zunehmende Sensibilisierung für Themen des Umwelt- und Klimaschutzes in der Gesellschaft entstanden – dieses gesellschaftliche Umdenken spiele eine wichtige Rolle in der Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft, sagte Kemfert weiter.

Auch wir glauben, dass „Fridays for Future“ die Diskussion um Umwelt- und Klimaschutz in die Mitte der Gesellschaft gebracht hat. Doch Forderungen nach Verzicht reichen uns nicht. Mit Cradle to Cradle stehen wir für ein Konzept, das den Nachhaltigkeitsgedanken weiterführt und konkrete Lösungen für eine wirklich zukunfts- und kreislauffähige Wirtschaftsform anbietet.

Klimafrage nicht isoliert sehen

Diesem Ansatz stimmte auch Kemfert zu. Man dürfe die Klimafrage nicht nur für sich betrachten, sondern müsse die Gesamtheit der Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit betrachten, sagte sie. Einen wichtigen Leitfaden bilden für sie dabei die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN, die einen umfassenden Blick auf Nachhaltigkeit in den verschiedensten Sektoren richten. Effektiven Klimaschutz zu betreiben und „Kreislaufwirtschaft in allen Bereichen durch zu deklinieren“ bedinge sich laut Kemfert gegenseitig. Mit diesem Ansatz ließen sich Umwelt- und Klimaziele gleichzeitig lösen. Es biete keine Perspektive, zu behaupten, dass es zu viele Menschen auf der Erde gäbe und man dementsprechend sowieso nichts ändern könne. Stattdessen müsse eine grundlegende Transformation über den Kreislaufgedanken verfolgt werden. Tim zufolge lassen sich die Klima- und die Ressourcenfrage zusammenbringen, indem man den aktuellen Ausstoß an CO2 nicht nur unter dem Aspekt der möglichen Vermeidung, sondern auch als misslungenes Ressourcenmanagement betrachtet, dem wir begegnen müssen.

„Wir könnten schon immer im Energieüberfluss leben“

Um das Cradle to Cradle-Prinzip flächendeckend umzusetzen, muss das Energiethema langfristig gelöst werden. Denn wir brauchen Energie, um Rohstoffkreisläufe zu schließen. Dem schließt auch Kemfert sich an: „Wir könnten schon immer im Energieüberfluss leben, wenn wir die größte Energiequelle der Welt konsequent nutzen würden: die Sonne.“ Die Energie selbst sei in der Zukunft also nicht das zentrale Problem, sondern vor allem ihr richtiger Einsatz, ihre Umwandlung und Nutzbarmachung.

Energiewende kreislauffähig gestalten

Tim führte in diesem Zusammenhang an, dass der Gedanke der Kreislaufwirtschaft in der Diskussion rund um den Einsatz erneuerbarer Energien noch nicht genügend integriert wird. Der Ausbau regenerativer Energien sei wichtig, doch müssen die Anlagen auch kreislauffähig sein. Dass saubere Energie notwendig ist, habe sich inzwischen zwar gesellschaftlich durchgesetzt, doch noch zu selten werden Konzepte umgesetzt, die die Erzeugung erneuerbarer Energie mit der Rückführbarkeit der verbauten Ressourcen verbinden. Wenn Kreislauffähigkeit nicht von Anfang an eingeplant wird, entsteht so der Sondermüll von morgen. Etwa durch Teile von Windkraftanlagen aus Kohlenstoffverbundstoffen, bei denen ein sauberer Rückbau nicht möglich ist. Erst wenn Lösungen für die Klima- und Ressourcenkrise zusammengeführt und umgesetzt werden, wird der Umstieg auf erneuerbare Energien wirklich nachhaltig und zukunftsfähig, stimmten Kempfert und Tim überein.

Ganzheitliche Lösungen finden

Die Konzepte für diesen Wandel seien vorhanden, doch nun müsse man ins Handeln kommen, so Kemfert. Neben einer transparenten Bepreisung von externen Umwelt- und Klimakosten sieht sie verbindliche Regeln wie Recyclingquoten als wichtiges Mittel, um einheitliche Rahmenbedingungen für neue Lösungen und Ansätze einer Kreislaufwirtschaft zu schaffen. Für eine zukunftsfähige Wirtschaftstransformation gebe es jedoch keinen einheitlichen Weg, der in allen Bereichen zum Erfolg führe. Vielmehr müssten sich die Förderung von Innovationen und die Anwendung von Instrumenten des Ordnungsrechts sinnvoll ergänzen. Auch der Green New Deal der EU habe die Kreislaufwirtschaft auf seiner Agenda – er müsse nun mit Leben gefüllt werden. Priorität habe es nun, in ganzheitlichen Lösungen zu denken und den Kreislaufgedanken, der auch politisch immer relevanter werde, in allen Bereichen umzusetzen: „Cradle to Cradle ist absolut der richtige Weg“, so Kemfert.

Wie wir die Textilindustrie gemeinsam völlig verändern können

Wie wir die Textilindustrie gemeinsam völlig verändern können 2000 1333 C2C LAB

Wir haben nicht jeden Tag eine Trägerin des Alternativen Nobelpreises bei uns zu Gast. Bei unserem digitalen C2C Summit Textiles & Supply Chain am 28.01.2021 war das mit einer Keynote der Autorin, Wissenschaftlerin sowie Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Dr. Vandana Shiva der Fall. Denn auf dem ganztägigen Summit ging es darum, wie die globale textile Wertschöpfungskette in Kreisläufe geführt werden kann, um so nicht nur Ressourcenverschwendung und Umweltschäden durch die Industrie  insbesondere in den Produktionsländern des Globalen Süden  zu beenden, sondern auch die sozialen Folgen daraus. 

Eines hat der C2C Summit mit Fokus auf den Globalen Süden ganz eindeutig gezeigt: Die globale Textilindustrie steht vor einem fundamentalen Wandel hin zu Kreislauffähigkeit und echter Nachhaltigkeit. Angesichts immer knapper werdender Ressourcen bei gleichzeitigem globalem Bevölkerungswachstum ist das der einzige Weg, zu positivem und gesundem Wachstum zu kommen. Mit Vertreter*innen von Unternehmen und NGOs sowie Politiker*innen diskutierten wir beim Summit jedoch nicht nur die Problemlage der Industrie, sondern auch Lösungen, die es bereits heute gibt. Zu der digitalen Veranstaltung hatten sich rund 300 Personen aus der Textilindustrie, der Politik, Verbänden und NGOs sowie der Zivilgesellschaft angemeldet.

Fast Fashion und Überproduktion führen zu wachsenden Müllbergen, richten Klimaschäden durch Treibhausgasemissionen an und verschwenden Ressourcen, sagte Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium (BMZ) in ihrem Eingangsstatement. Zwischen 2000 und 2015 habe die globale Textilindustrie ihr Produktionsvolumen verdoppelt. Gleichzeitig stehe der Sektor für rund 10 Prozent aller CO2-Emissionen – das entspricht der Menge, die Deutschland, Russland und Japan zusammen emittieren. Auch angesichts des hohen Wasserverbrauchs des Sektors sei es „keine Überraschung, dass die Textilindustrie der weltweit zweitgrößte Verschmutzer ist“, so Flachsbarth. Mit den Umweltschäden und der Ressourcenverschwendung gingen negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen einher, die sich durch COVID-19 vergrößert hätten. Es brauche daher einen Textilsektor, der ein Minimum an Ressourcen verbrauche, die Entstehung von Müll vermeide und Fasern wiederverwerte, so die CDU-Politikerin.

“Cradle to Cradle kann uns dabei helfen, eine Kreislaufwirtschaft im Textilsektor zu erreichen. Der Ansatz, der den Produktionsprozess im Ganzen betrachtet und intelligentes Produktdesign nutzt, zielt auf geschlossene Kreisläufe ab. Das Konzept gewinnt in der Zusammenarbeit für nachhaltige Textilien immer mehr an Bedeutung, und auch bei der Entwicklung des Grünen Knopf, unserem staatlichen Siegel für nachhaltig produzierte Textilien“, so Flachsbarth abschließend.

Doch nicht nur der Umwelt- und Ressourcenaspekt spielt bei Cradle to Cradle als ganzheitlichem Ansatz eine Rolle, sondern auch, dass Materialien, die zu Textilien verarbeitet werden, frei von jeglichen Schadstoffen sind. Sie dürfen weder beim Tragen noch bei der Herstellung gesundheitliche Schäden hervorrufen. Das ist heute nicht der Fall. Bei Baumwolltextilien sorgen giftige Farbstoffe und Pigmente oder Prozesschemikalien dafür, dass sie gesundheitliche Schäden hervorrufen können. Bei synthetischen Fasern kommen Additive und Katalysatoren hinzu. Insgesamt ist der Großteil der Textilien auf dem Markt nicht für Hautkontakt geeignet. 

„Innerhalb einer globalen Wertschöpfungskette ist es wichtig, welche Qualität alle eingesetzten Substanzen haben – ob Fasern, Garne oder Farbstoffe. Wir brauchen Textilien, die für Hautkontakt gemacht sind und entweder im technischen oder im biologischen Kreislauf zirkulieren können. So können wir Ressourcenverschwendung und die Entstehung von Müll beenden. Insbesondere auch in jenen Produktionsländern des Globalen Süden, in denen die heutigen Umweltbelastungen durch die Textilindustrie direkte soziale Folgen haben”, so Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen. 

Im ersten Panel diskutierten Dr. Ulf Jaeckel, Leiter des Referats Nachhaltiger Konsum und produktbezogener Umweltschutz im Bundesumweltministerium (BMU), Simone Cipriani, Gründer der Ethical Fashion Initiative und Chairman der UN Alliance for Sustainable Fashion, Patrik Lundström, CEO & Gründer des Textilfaserrecyclers Renewcell und Rob Kragt, Leiter CSR Communications & Training Manager EMEA beim französischen Fußbodenbelagshersteller Tarkett über die Herausforderungen der Textilindustrie und darüber, welche Anpassungen es bei politischen Rahmenbedingungen braucht, um diese anzugehen. 

Echte Preise und Eigeninitiative 

Jaeckel sagte, das Bewusstsein, dass der Sektor nachhaltiger werden müsse sei in der Politik angekommen. Bei der Umsetzung von Maßnahmen müsse die gesamte Wertschöpfungskette adressiert werden. „Die EU-Strategie für nachhaltige Textilien, die zum Ende des Jahres stehen soll, wird genau dies abdecken“, so Jaeckel. Die Strategie befindet sich derzeit auf EU-Ebene in der Konsultationsphase. Eine Studie zur Kreislaufwirtschaft im Textilsektor, die Cradle to Cradle NGO gemeinsam mit Adelphi im Auftrag der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) für das BMZ erstellt hat, ist darin enthalten. Allerdings räumte Jaeckel ein, dass kreislauffähiges Design heute noch nicht in gesetzlichen Standards enthalten sei. Die staatlichen Siegel Blauer Engel und Grüner Knopf würden zwar gerade überarbeitet. Welche Kriterien dann einfließen hänge auch davon ab, welche Standards möglich seien und bevorzugt würden. „Wir sprechen dabei auch mit der Textilindustrie, denn wir wollen, dass diese die Standards auch akzeptiert“, so Jaeckel. Simone Cipriani zeigte sich zuversichtlich, dass diese Akzeptanz bei Kreislauffähigkeit und Cradle to Cradle gegeben wäre. „Bisher hat die Industrie ein paar Elemente von Nachhaltigkeit adaptiert, anstatt ihr Geschäftsmodell radikal zu ändern. Das ist aber nicht länger tragbar, denn eine gesamte Wertschöpfungskette lässt sich ohne einen systemischen Wandel nicht nachhaltig und kreislauffähig gestalten“, sagte er. Heute mache sich die Industrie erstmals Gedanken über diese Zusammenhänge, da COVID-19 alle Probleme der Branche verschärft habe. Für ihn muss politisch die Internalisierung externer Kosten, die durch Umwelt- und Gesundheitsschäden bisher der Gesellschaft angelastet werden, ganz oben auf der Agenda stehen. Damit, so Cipriani, könnten Investitionen großer Modekonzerne in echte Nachhaltigkeit sowie Konzerne, die sich nicht bemühten, ganz anders bewertet werden. Patrik Lundström verwies darauf, dass sich in diesem Jahrzehnt das Volumen von Textilfasern auf dem Markt von 110 auf 160 Millionen Tonnen erhöhen werde. Sein Unternehmen Renewcell sei heute der einzige Anbieter ausschließlich recycelter Zellulosefasern und verzeichne großes Interesse aus der Industrie und arbeite unter anderem mit H&M und Levis zusammen. “Aber wir sind nicht in der Lage, Recyclingkapazitäten in einem Maß aufzubauen, die das Wachstum von Fasern auf dem Markt erfordert. Das ist eine riesige Wachstumschance für Recyclingunternehmen, aber wir müssen dafür skalieren und dafür sind Investitionen in Fabriken nötig“, so Lundström. Es sei positiv, dass sich die EU mit besseren Sammel- und Recyclingsystemen für Textilien beschäftige. Sie müsse aber auch die dafür erforderliche Infrastruktur fördern. Rob Kragt von Tarkett appellierte indes an die Industrie, mutig mit kreislauffähigen Innovationen voran zu gehen. Die vollständig recycelbaren Teppichfliesen des Unternehmens seien ohne die eigentlich dafür erforderlichen politischen Rahmenbedingungen entwickelt worden. “Auch auf das Risiko hin, damit zunächst Geld zu verlieren. Wir brauchen Gesetze und müssen Verschmutzung und Gesundheitsschäden besteuern. Aber die Initiative zum Wandel kann innerhalb der Industrie entstehen“, so Kragt.

Im zweiten Panel lag der Fokus auf jenen Regionen, in denen für den weltweiten Textilkonsum Rohstoffe angebaut und verarbeitet werden. Aneel Kumar Ambavaram, Gründer & CEO der Kleinbauerninitiative Grameena Vikas Kendram in der indischen Provinz Andhra Pradesh und dem Programm RESET (Regenerate the Environment, Society & Economy through Textiles), Tina Stridde, Geschäftsführerin der Aid by Trade Foundation (Dachorganisation der Cotton made in Africa Initiative), Mansoor Bilal, VP Marketing, Research & Innovation des pakistanischen Jeans-Herstellers Soorty Enterprises sowie Ebru Debbag, Director Global Sales & Marketing von Soorty Enterprises, tauschten sich dazu mit Katja Hansen, C2C-Expertin und Beirätin C2C NGO, aus. 

Nachhaltige Landwirtschaft im Global Süden hilft Kleinbauer*innen dort

Insbesondere in den Produktionsländern führe die heutige Produktions- und Konsumweise von Baumwolltextilien zu Armut und Umweltverschmutzung, sagten Ambavaram und Stridde. Beide Initiativen arbeiten mit kleinen Baumwollbauer*innen zusammen, die eine nachhaltige Landwirtschaft ohne genetisch veränderte Samen und Pestizide pflegen. Die Initiativen bieten Weiterbildung und, im Falle von Cotton made in Africa, organisieren den Weiterverkauf bis in den Handel. In den vergangenen Jahren sei das jährliche durchschnittliche Haushaltseinkommen der Baumwollbauer*innen in der RESET-Initiative um 30 Prozent gestiegen da sich die Anbaukosten durch die Maßnahmen halbiert hätten. „Für die Bauern war es eine große Umstellung und ein großes Risiko, so zu arbeiten. Es ist einfacher, Pestizide zu versprühen. Aber unser Erfolg zeigt uns, dass wir einen Beitrag dazu leisten können, direkt am Anfang der Wertschöpfungskette in Kreisläufen zu denken“, sagte Ambavaram. Stridde ist überzeugt davon, dass Cotton made in Africa auch deshalb erfolgreich sei, weil die Nachfrage nach nachhaltigen Textilien steige. „Das Thema Nachhaltigkeit geht nicht mehr weg. Konsument*innen denken mehr darüber nach, welche Auswirkungen ihre Aktivitäten und ihr Konsum haben. Sie haben damit eine wichtige Rolle und machen Druck auf Händler und Marken“, so Stridde. Eine solche Marke ist der pakistanische Jeans-Hersteller Soorty, der als weltweit erster Textilherstellende sein gesamtes Sortiment, von Baumwollnähgarn bis zu fertigen Geweben und Kleidungsstücken, nach dem Cradle to Cradle-Standard in Gold zertifizieren konnte. Cradle to Cradle sei ein ganzheitlicher Ansatz, da er den gesamten Lebenszyklus eines Produkts inklusive des Designs hinterfrage, so Ebru Debbag. Das sei auch das Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie von Soorty gewesen. Die Umsetzung von Cradle to Cradle bei Soorty dauerte gut 2 Jahre, sagte Mansoor Bilal. Das Ziel der Soorty-Kund*innen, Kollektionen schnell auf den Markt bringen zu wollen, habe diese Entwicklung jedoch immer wieder erschwert. „Es gab Kunden, die uns vorschlugen, bei der Umsetzung doch etwas weniger strikt zu sein und weniger strenge Standards zu setzen. Aber das ist für uns nicht der Sinn von Nachhaltigkeit“, so Bilal. Im Globalen Süden seien die fatalen Auswirkungen der heutigen Textilproduktion besonders groß, so Debbag. „Die Gesetzgebung, auch in Europa, muss diese Konsequenzen berücksichtigen“, so Debbag.

Im dritten Panel sprachen Friederike Priebe, Team Lead Cradle to Cradle Textiles bei EPEA – part of Drees & Sommer, Alexander Meyer zum Felde, Partner & Associate Director, Sustainability & Circular Economy bei Boston Consulting Group, Andreas Bothe machte als Leiter CSR & Sustainability der Bay City Textilhandels GmbH und Mesbah Sabur, Co-Gründer und Geschäftsführer des Technologieunternehmens Circularise darüber, wie sich zirkuläre Produkte und Geschäftsmodelle skalieren lassen. 

Priebe berät Unternehmen auf dem Weg zur Produktzertifizierung nach Cradle to Cradle und unterstützt bei der dafür erforderlichen Umstellung sämtlicher Geschäftsprozesse. Seit den 70er-Jahren sei in der Textilindustrie viel Wissen um Materialgesundheit verloren gegangen, da die Märkte immer schneller wurden und Profit zunehmend über Qualität gestellt wurde. „Eines unserer Ziele ist es, nicht nur ein C2C-Produkt zu erstellen, sondern den Prozess dahinter in einem Unternehmen zu skalieren“, sagte sie. Dabei spiele es eine große Rolle, wieder in ganzheitlichen Systemen zu denken. Meyer zum Felde begleitete unter anderem C&A dabei, Cradle to Cradle-Textilien auf den Markt zu bringen. „Seit drei oder vier Jahren sehen wir erstmals, dass kommerzieller Erfolg direkt mit verantwortungsvollem und nachhaltigem Verhalten zusammenhängt“, sagte er. Nutze eine Marke etwa biologisch abbaubares Bleichmittel sei dies zwar doppelt so teuer als konventionelle Produkte. Dafür fielen in den Hauptproduktionsländern der Textilindustrie dadurch deutlich geringere Kosten für die Nachbehandlung des eingesetzten Wassers an. Auch das habe dazu beigetragen, dass die C2C-Textilien von C&A im Handel gleich viel kosten wie die konventionellen Kleidungsstücke. Die eigenen Zuliefernden auf dem Weg hin zu Cradle to Cradle in der Massenproduktion mitzunehmen sei indes nicht immer einfach, sagte Andreas Bothe. Zumindest sei dies der Fall gewesen, als Bay City 2016 mit den ersten Nachhaltigkeitsinitiativen in Richtung Cradle to Cradle startete. „Wir konnten hartnäckig bleiben, weil unsere Inhaber voll hinter unseren Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit bei den Zulieferern standen“, so Bothe. Das Unternehmen produziert auch für Dritte und war bereits an einem C2C-Projekt für einen großen Textilhändler beteiligt, in dem C2C-Textildruckfarben zum Einsatz kamen. Ende des Jahres soll nun auch eine C2C-Kollektion unter eigener Marke auf den Markt kommen. Es sei auf dem Weg zu C2C wichtig, den Dialog zwischen Herstellenden und Zuliefernden transparent zu führen, sagte Bothe. Diese Transparenz durch Technologie zu unterstützen ist das Ziel von Mesbah Sabur. Circularise will mit dem dezentralen Blockchain-System Unternehmen auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft unterstützen. Die Blockchain sei zwar nicht der einzige Weg, Transparenz in eine Lieferkette zu bringen, so Sabur. Im besten Fall aber sei eine solche Blockchain eine ideale und sichere „offene Plattform, um die Herkunft und die Qualität von Rohstoffen und Materialien nachzuverfolgen und auch zu verifizieren“.

C2C, um dem Klimawandel zu begegnen

In ihrer Abschluss-Keynote ging die Menschenrechts- und Umweltaktivistin, Autorin und Wissenschaftlerin Dr. Vandana Shiva erneut darauf ein, dass durch die Internalisierung externer Kosten ohne Ressourcenverschwendung günstiger produziert werden könnte. Daher brauche es eine Kreislaufwirtschaft mit entsprechenden politischen Anreizen auf globaler Ebene in der Textilindustrie, sagte sie. Menschenrechtsverletzungen, Gesundheitsschäden und der Klimawandel seien letztlich alles Symptome derselben Krise: Die Überschreitung der planetaren Grenzen. „Wir müssen daher C2C-Modelle entwickeln, um Produktionssysteme auszubauen, die die Biodiversität regenerieren und den Klimawandel umkehren“, so Shiva.

Umweltfreundliche Innovation aus dem Mittelstand

Umweltfreundliche Innovation aus dem Mittelstand 1036 580 C2C LAB

Am 17. November 2020 war der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt,  Alexander Bonde, bei uns zu Gast im LAB Talk. Die DBU wird auch „the largest organisation you never heard of before” genannt, sagte Bonde halb im Scherz, obwohl sie die größte Umweltstiftung Europas ist. Mit jährlich 60 Millionen Euro fördert die Organisation Projekte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in den Bereichen Umwelttechnik, Umweltforschung und Umweltbildung. Damit möchte die DBU dabei unterstützen, innovative Lösungen für Umweltprobleme zu finden. In unserem LAB Talk unterhielt sich Bonde mit Nora über die Bedeutung des deutschen Mittelstandes, die richtigen politischen Rahmenbedingungen für umweltfreundliche Innovation und darüber, warum sich die DBU manchmal wie Bob der Baumeister fühlt. 

Alexander Bonde hat sich schon in der Vergangenheit als Fan von Cradle to Cradle entpuppt. Unter anderem, als er uns vor gut einem Jahr in unserem C2C LAB in Berlin besucht hat. Mit dem Green Deal der EU, sagte er nun im Gespräch mit Nora, sei auf europäischer Ebene im Bereich Circular Economy schon viel passiert, allerdings müsse nun auf Bundesebene auch nachgelegt werden. „Technologisch haben wir in Deutschland unheimlich viel Potential, aber dass die Frage beim Design und bei der Produktplanung losgeht, die ist leider in anderen politischen Diskursen ausgeprägter”, so Bonde.

Fokus der DBU auf das Thema Circular Economy

Auch die DBU will in Zukunft einen Fokus auf Circular Economy legen. Bonde zufolge soll in den nächsten drei Jahren ein zweistelliger Millionenbetrag in den Bereich CE fließen. „Die Frage, wie bekommen wir eigentlich Ressourcen in Kreisläufe, ist eine der ganz zentralen Umweltfragen der nächsten Jahre, sowohl in der Frage Klimaschutz als auch weit darüber hinaus”, so der Generalsekretär. Er und Nora waren sich einig, dass wir ein anderes Verhältnis zum Umgang mit Ressourcen und Materialien brauchen. Bonde betonte, dass bereits bei der Planung eines Produkts darüber nachgedacht werden muss, wie die verwendeten Materialien am Ende im Kreis laufen können. Er stimmte Nora zu, dass die Klimakrise nicht die einzige große Herausforderung sei: Es gebe noch weitere, genauso drängende ökologische Fragen, wie zum Beispiel die Ressourcenfragen oder auch der Verlust von Biodiversität: „Man wird die Probleme nicht lösen, indem man sie von einem Krisenbereich in den anderen verschiebt, sondern wir müssen sie wirklich lösen.”

Welche Rolle spielt der Mittelstand bei der Lösung von Umweltfragen?

Neben der Circular Economy hat die DBU einen ganz besonderen Fokus auf mittelständische Unternehmen. Das erklärte Bonde damit, dass KMU (kleine und mittlere Unternehmen) oft als Impulsgeber funktionieren und neue Ideen in die Märkte bringen. Die DBU möchte diesen Unternehmen dabei helfen, innovative Ideen aus dem Bereich Umweltschutz voranzubringen. Nora bestätigte, dass sich auch in Sachen C2C häufig mittelständische Unternehmen engagieren und oftmals direkt die gesamte Produktion nach Cradle to Cradle umstellen. Bonde hob hervor, dass dieses innovative Denken des Mittelstandes auch durch Corona nicht gebremst worden sei, im Gegenteil: Die DBU verzeichnete im Jahr 2020 ein Hoch an gestellten Anträgen. „Die Coronakrise hat die Frage der Nachhaltigkeit in Geschäftsmodellen vielleicht medial überlagert, aber in der Wirtschaft ist die Debatte voll entbrannt”, so Bonde.

Digitalisierung und die richtigen politischen Rahmenbedingungen

Ein weiteres Thema, das in diesem LAB Talk diskutiert wurde, war Digitalisierung. Nora erklärte, dass Digitalisierung für die Umsetzung von Cradle to Cradle in der Praxis enorm wichtig sei, da so digitale Materialausweise erstellt werden können, die genau dokumentieren, welche Materialien in Produkten enthalten sind. Bonde hob ebenfalls die Vorteile durch Digitalisierung für Unternehmen hervor, ergänzte aber auch, dass die Digitalisierung einen nachhaltigen Rahmen brauche, damit sie nicht als Brandbeschleuniger für große Umweltprobleme wirke. Die Kreislaufführung von beispielsweise Halbleitern sei eine große Herausforderung und müsse mitgedacht werden. Dafür brauche es aber auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen. An dieser Stelle betonte Nora, dass genau das auch Aufgabe unserer NGO sei: Politisch Druck auszuüben, damit sich genau solche Rahmenbedingungen verändern. Vorgaben aus der Politik, da waren sich beide einig, werden auch gebraucht, um reale Preise abzubilden, auch über einen realistischen Preis für CO2 hinaus. Bonde erläuterte, dass durch falsche Anreize verhindert würde, dass gute Produkte auf den Markt kommen: „Die Nicht-Bepreisung vom CO2-Ausstoß ist ein reales Markthindernis für moderne, innovative Produkte. Nora ergänzte, dass nicht nur Gewinne privatisiert werden sollen, sondern auch der Schaden, den ein Produkt zum Beispiel der Umwelt zufügt. Aus Sicht der DBU als Innovationsförderer, so Bonde, sei es eine große Hürde, dass es keine realen Preise gibt: „Wir sind überzeugt, dass wir einen Marktrahmen brauchen, der Innovationen nicht verhindert, sondern sie über die wahren Kosten anregt und so die guten Produkte in den Markt lässt.”

Umweltbildung als Bindeglied

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen der DBU und unserer NGO ergab sich beim Thema Umweltbildung. Genau wie wir möchte auch die DBU das richtige „Mindset” nicht nur in die Politik, sondern auch in die Gesellschaft bringen. Bonde betonte die Bedeutung von Best Practice Beispielen, die zeigen was schon geht, aber auch Druck machen können, damit man sich nicht auf dem Erreichten ausruht. Zur Rolle der DBU in diesem Zusammenhang sagte er: „Wir fühlen uns wie der Bob der Baumeister der Umweltbewegung. Bei uns geht es immer darum, welche Werkzeuge wir schon haben und wie man damit etwas ganz Konkretes lösen kann.” Bonde und Nora betonten beide, dass man zwar schon viel erreicht habe, aber es auch noch viel zu tun gebe. Man müsse nun eine positive Perspektive aufzeigen.

Wie Berlin zur müllfreien Kreislauf-Stadt werden kann

Wie Berlin zur müllfreien Kreislauf-Stadt werden kann 1000 667 C2C LAB

Am 8. Dezember 2020 fand unser C2C Forum: Kreislauf-Stadt Berlin digital und interaktiv mit Vertreter*innen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Berlin statt. Das Thema: Urbanes Ressourcen- und Innovationsmanagement und gesundes Stadtwachstum durch konsequente Kreislaufwirtschaft. Das Ziel: Zeigen, wie die Stadt von Morgen geht.

Nicht nur die Tatsache, dass sich rund 300 Menschen zu dem Event angemeldet hatten zeigt, dass der Inhalt brandaktuell ist. Denn Industriegesellschaften produzieren riesige Mengen an Müll. Um genau zu sein liegt das Müllaufkommen in Berlin bei jährlich 8 Millionen Tonnen. Pro Person sind das 430 Kilogramm Siedlungsabfall pro Jahr. Ganz klar viel zu viel. Dafür müssen Lösungen her, wie auch Annette Nawrath fand. Die Vorstandsvorsitzende der Stiftung Naturschutz Berlin leitete das Event mit einem Grußwort ein. Unbegrenztes Wachstum, so ihr Fazit, sei mit begrenzten Rohstoffen in der heutigen Form nicht möglich. „Industriegesellschaften brauchen neue und andere Konzepte für den Umgang mit unseren Ressourcen. Es ist an der Zeit nicht über das Ob, sondern über das Wie zu sprechen“ sagte Nawrath.

Cradle to Cradle als Lösungsansatz

Nora erläuterte in ihrem Impuls zu C2C Denkschule & Designkonzept, wie genau dieses Wie aussehen kann. Die Anreize seien groß, unsere momentane Lebensweise zu ändern und zu optimieren, so Nora. Wir lebten aktuell in einer Cradle to Grave-Welt, in der wir aus Materialien Produkte schaffen, die nach ihrer Nutzung zu Müll werden. Zukunftsfähig sei die Devise „take, make, waste“ mit Blick auf endliche Ressourcen jedoch nicht, so Nora. „Wir müssen von der Produktionseinbahnstraße zu geschlossenen Kreisläufen kommen. Wir sehen uns als Parasiten, die in ihrem Schaden reduziert werden müssen. Anstatt Schädlinge zu sein, können wir Nützlinge werden“, sagte sie weiter. Aber was bedeutet eine Kreislauf-Stadt genau für Berlin? Und was müssen wir tun, um diesen Zustand zu erreichen?

Wo stehen wir in der Abfallpyramide?

Antworten auf diese Frage diskutierten vier Vertreter*innen verschiedener Gesellschaftsbereiche, moderiert von Tim. Dr. Benjamin Bongardt, Referatsleiter Abfallwirtschaft in der Senatsverwaltung Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, war digital dazu geschaltet. Er erläuterte die Zero Waste-Strategie der Berliner Senatsverwaltung. Konkret sei bis 2030 geplant, den Hausmüll um 20 Prozent zu senken, die Klimagase um 250,000 Tonnen/Jahr und den Baustoffbedarf um 1,4 Millionen Tonnen/Jahr. Um Berlin zur Zero-Waste-Hauptstadt zu machen liege der Fokus vor allem auf Abfallvermeidung. Barbara Metz, stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe e.V., reihte sich als zweite Panelistin in die Forderung nach Abfallvermeidung ein. Sie verwies auf die fünfstellige Abfallhierarchie: Beseitigung, Verwertung, Recycling, Wiederverwendung und Vermeidung. Dabei nehme Beseitigung immer noch den größten Bereich ein, das müsse sich ändern.

Laut Andreas Thürmer, Leiter des Vorstandsbüros der Berliner Stadtreinigung, müsse es das Ziel sein, die Abfallhierarchie umzudrehen. Um mehr Abfall zu vermeiden, wiederzuverwenden und zu recyceln brauche es jedoch ein grundlegendes Umdenken von Wirtschaft und Bevölkerung. Konkret müsste die moderne Kreislaufwirtschaft ausgebaut, technologische Innovationen und die Einbeziehung der gesamten Wertschöpfungskette gefördert sowie ein regulatorischer und finanzieller Rahmen geschaffen werden. Dabei wollte Thürmer den Fokus keinesfalls nur auf Vermeidung legen und betonte, wie wichtig das Wiederverwenden und Recyceln sei. Die vierte Panelistin war Anne Lamp, CEO und Gründerin von traceless. Sie hat ein vollständig kompostierbares Material entwickelt, das erdölbasierte Kunststoffe ersetzen kann. Lamp betonte, dass Abfallvermeidung als Hauptfokus nicht die alleinige Lösung sei. 85 Prozent aller je produzierten Kunststoffe lägen heute noch auf Deponien oder schwämmen in den Ozeanen. Abfall, vor allem Plastik, zu vermeiden, führe nur zu einem langsameren Anstieg des Müllaufkommens in der Umwelt, nicht aber dazu, dass kein Müll mehr entstehe. Zudem seien Kunststoff an sich ein gutes Material, so Lamp. Sie seien formbar, flexibel und recycelbar und somit ideal für den technischen Kreislauf geeignet. Das Problem sei jedoch, dass die Kreisläufe, in denen Kunststoffe und andere Materialien zirkulieren könnten, nicht fertig durchdacht und somit nicht geschlossen seien. So gehen endliche Rohstoffe verloren und wir vermüllen die Umwelt, so Lamp. Genau dieses Problem gelte es zu lösen.

Lamp betonte aber auch, dass es möglich sei, diese Kreisläufe zu schließen. Ihr Kunststoffersatz zirkuliert im biologischen Kreislauf. Er ist aus Reststoffen der Agrarindustrie produziert und innerhalb von 2 Monaten komplett kompostierbar, Positiv sei auch, dass die Nachfrage der Unternehmen für Alternativen zu konventionellem Kunststoff stetig steige. Das liege einerseits am größeren Bewusstsein der Konsument*innen und andererseits an EU-Regulierungen wie der kommenden Plastiksteuer. Grundsätzlich sieht Lamp in der heutigen Herstellung von Kunststoffen vor allem ein Designproblem. Die meisten Produkte würden heute noch nicht von Anfang an so designed, dass sie wieder- und weiterverwendet werden könnten. So gingen wichtige Rohstoffe für immer verloren – und es entstehe Müll.

Kreislauffähiges Einweg- oder konventionelles Mehrwegplastik?

Das Ziel der Veranstaltung war auch, die Gesellschaft mit in die Diskussion einzubeziehen. Bei der Paneldiskussion hatten digitale Zuschauerinnen die Möglichkeit, ihre Fragen an das Panel zu stellen. Darunter die, was nun besser und effektiver sei: an Suffizienz, Vermeidung und Verzicht zu appellieren, oder Produkte und Prozesse von Grund auf neu zu strukturieren, um geschlossene Kreisläufe herzustellen? Metz betonte, der beste Abfall sei der, der erst gar nicht entstehe und plädierte für Mehrweglösungen. Auch heute noch sammelten wir in Berlin mehr Verpackungen in der Rest- als in der Verpackungstonne, so Thürmer. Nur auf die Konsumentinnen zu vertrauen, dass sie bewusst handeln und verzichten, sei aber nicht die Lösung. Es müssten Anreize und Gesetze für Unternehmen geschaffen werden, die sicherstellen, dass weniger Müll entstehe. Das könne durch Verbote von zum Beispiel Kunststoff geschehen oder durch Regelungen wie eine Plastiksteuer oder eine Recyclingquote. Bongardt wies darauf hin, dass diese Regelungen die Folge haben müssten, dass weniger Einwegplastik produziert werde. Es gäbe viele Konsument*innen, die nicht zwischen materialgesundem und konventionellem Einwegplastik unterscheiden könnten, so Metz. Eine Lösung sei es, durch verstärkte Nutzung von Mehrwegprodukten Abfälle von Anfang an zu vermeiden. So, warf Lamp ein, würde jedoch auf lange Sicht das Problem nicht gelöst werden. „Es ist egal, ob man mit 50 oder 30 km/h gegen die Wand fährt, wir müssen die Kurve kriegen“ sagte sie. Für jedes Problem gebe es individuelle Lösungen. Nicht überall seien Mehrweglösungen daher die ideale Lösung. Es sei wichtig, zwischen drei Wirkungsindikatoren zu unterscheiden. Erstens: Plastik in der Umwelt, zweitens: Toxizität der Materialien, die wir einsetzen, auch im Kontakt mit Menschen und unserem Essen, und drittens: Treibhausgasemissionen, die durch die Produktion entstehen. Es gebe nicht eine one-fits-all-Lösung für alle Probleme, stimmte Bongardt zu. Wichtig sei es, einzelne Probleme wie die drei gemeinsam zu betrachten und individuelle Alternativen anzubieten. Mehrwegprodukte, zum Beispiel, führten wahrscheinlich zu weniger Abfallaufkommen, seien aber in ihrer Toxizität und bei der Herstellung nicht ungefährlich für Mensch und Klima.

Warum wir neue Gesetze brauchen

Auch die bestehenden Regulierungen wurden an diesem Abend diskutiert. Thürmer sagte aus Sicht der Entsorger*innen bei der BSR, dass die gesetzlich vorgegebenen Recyclingquoten oft schlichtweg nicht umsetzbar seien. Denn die Materialien vieler Produkte könnten nicht sortenrein getrennt und somit recycelt werden. Gesetze müssten daher also immer in Kombination mit besseren Materialien und einem besseren Design der Produkte bei der Herstellung angewandt werden. Sonst bleibe die Recyclingquote ein Scheingesetz. Dies sei ein klassisches Henne-Ei-Problem, fasste Tim zusammen. Einerseits bräuchten wir Gesetze, um sicherzustellen, dass Materialien im Kreislauf bleiben, zum Beispiel durch eine Recyclingquote. Andererseits brauche es erst einmal Produkte, die aus recyclingfähigen Materialien bestehen. Dem stimmte auch Lamp zu. Was durch eine Quote ohne den Einsatz von kreislauffähigen Materialien geschehe, sei Downcycling, so Lamp. Wir müssten davon wegkommen, nur auf Quoten zu achten und hin zu Regeln, welche Materialien in der Herstellung überhaupt verwendet werden dürften, sagte sie weiter. Es passiere noch zu oft, dass angebliche Alternativen nicht komplett durchgespielt werden, stimmte Bongardt zu. Wichtig sei nun ein Zusammenspiel aus Vermeidung, Wiederverwendung, Recycling, Verwertung und langfristiger Beseitigung.

Berlin: Kreislauf-Hauptstadt von Morgen?

Die rege Diskussionsrunde konnte sich auf einige Punkte einigen. Mittelfristig ist die Vermeidung von Müll für Städte wie Berlin unabdingbar und mit der Zero Waste-Strategie ist der Rahmen dafür zumindest schon einmal verfasst. Langfristig müssen jedoch Lösungen gefunden werden, um Kreisläufe komplett zu schließen. Auch, aber nicht nur mit Blick auf Verpackungen. Nur so kann sichergestellt werden, dass Materialien und Rohstoffe unendlich zirkulieren und nicht mehr verschwendet werden. Das Ziel sei es, betonten alle vier Panelistinnen, die fünfstellige Abfallhierarchie umzudrehen. Cradle to Cradle zeigt schon heute, wie das geht. Durch geschlossene technische und biologische Kreisläufe wird Abfall zum Nährstoff für Produkte von Morgen. Das destruktive Konzept Müll gibt es in diesem Morgen nicht mehr. Denn Nutzungsszenarien werden durchdacht und spezifische Lösungen für Städte geschaffen. Um das zu erreichen, müssen wir als Gesellschaft zusammenarbeiten, Ideen und Technologien einbringen sowie Innovationen umsetzen. So können Berlinerinnen tatsächlich Bewohner*innen einer Kreislauf-Hauptstadt von Morgen werden.

„Degrowth ist global betrachtet eine reine Illusion“

„Degrowth ist global betrachtet eine reine Illusion“ 2048 1365 C2C LAB

Für unsere digitale Akademie 2020 konnten wir im September unter anderem Ralf Fücks als Gast gewinnen. Der langjährige Grüne und frühere Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung gründete 2017 das Zentrum Liberale Moderne – ein Thinktank, der sich der „Verteidigung der freiheitlichen Moderne“ verschrieben hat. Ralf beschäftigt sich intensiv mit der Frage „Wie passen Ökologie und Moderne zusammen?“ Wir unterhalten uns immer gerne mit ihm über diese Themen, weil wir glauben, dass die Cradle to Cradle Denkschule das Spannungsfeld zwischen Klima,- Umwelt und Ressourcenprobleme auf der einen Seite und Bevölkerungswachstum und Urbanisierung auf der anderen Seite auflösen kann. Erfreulicherweise sieht Ralf das ähnlich, wie diese (für den besseren Lesefluss redaktionell bearbeitete) Passage aus seinem Gespräch mit Tim bei der Akademie zeigt.

Wer sich heute für Klimaschutz, für Biodiversität engagiert, der hat ja ein chronisch gutes Gewissen. Man fühlt sich auf der richtigen Seite der Geschichte, man ist fortschrittlich. Weil es um die Überlebensbedingungen der Menschheit auf diesem Planeten geht und weil man für die Freiheit der künftigen Generation kämpft. Letzteres ist auch nicht falsch. Wenn der Klimawandel außer Kontrolle gerät und unsere natürlichen Lebensbedingungen gefährdet werden, dann ist das auch eine Gefahr für die Demokratie. Eine andauernde globale Umweltkrise schränkt die Selbstbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der künftigen Generationen dramatisch ein.

Allerdings ist das Engagement für konsequenten Klimaschutz nicht per se demokratisch. Es gibt eine Strömung ökologischen Denkens, die Politik auf ökologische Notstandsverwaltung mit drastischen Eingriffen in Bürgerrechte reduziert — eine Art Zuteilungsregime für knappe Ressourcen. Das ist kein Szenario, das vollkommen aus der Luft gegriffen ist. Das kann tatsächlich eintreten, wenn es uns nicht gelingt, die ökologischen Lebensbedingungen zu stabilisieren. Es gibt innerhalb der Ökobewegung eine autoritäre Unterströmung, die auf umfassende Gebote und Verbote bis in die private Lebensführung setzt. Wir haben sehr unterschiedliche politische Ideen, wie auf diese planetare Krise zu antworten ist.

Eine Ökologie der Restriktion

Wenn man den berühmten Bericht an den Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ von 1972 noch einmal liest, fällt der autoritäre Grundton auf. Die Antwort, die der Club of Rome auf seine Diagnose — dass die Welt auf einen ökologischen Kollaps zu taumelt — gibt, heißt Kontrolle. Und zwar eine dreifache Kontrolle: Erstens über die industrielle und landwirtschaftliche Produktion, das Ende des Wachstums und eine strikte Reglementierung von Unternehmen. Zweitens eine starke Einschränkung der Konsumfreiheit. Und drittens, was heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, auch eine durchaus rigide Kontrolle der Fortpflanzung. Für den Club of Rome gilt die rapide Zunahme der Weltbevölkerung als eine der Hauptursachen der ökologischen Krise.

Diese autoritäre politische Vorstellung, wie wir die Krise in den Griff bekommen, ist meines Erachtens eine konsequente Folge der Problemdiagnose, die der Club of Rome gibt. Im Wesentlichen beschreibt er nämlich die ökologische Krise als ein quantitatives Problem: Zu viele Menschen auf dem Planeten, zu viel Produktion, zu viel Abfall, zu viele Emissionen und zu viel Konsum. Und wenn die Diagnose lautet, dass die Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen eine Folge des „zu viel“ ist, ist es konsequent, vor allem ein striktes „Weniger“ zu fordern: Wir müssen die menschlichen Aktivitäten auf diesem Planeten reduzieren, um wieder in ein Gleichgewicht mit der Natur zu kommen. Ich nenne das die Ökologie der Reduktion. Und wenn die Leute nicht freiwillig dem Aufruf zu Verzicht, Einschränkung und Selbstbeschränkung folgen, dann liegt es nahe, dass die Wende zum „Weniger“ vom Staat durchgesetzt werden muss. Also durch ein staatliches Kontrollregiment, das immer stärker eingreift, sowohl in die Ökonomie wie in die private Lebensführung der Menschen.

Das ist ein bisschen zugespitzt, aber es ist nicht aus der Luft gegriffen. Es gibt diese Vorstellungen in der Ökobewegung, teils latent und zum Teil auch offen. Und es ist kein Zufall, dass durchaus prominente Figuren wie zum Beispiel Jørgen Randers, der schon als Assistent von Dennis Meadows an „Die Grenzen des Wachstums“ beteiligt war, ganz offen mit dem chinesischen Modell sympathisiert, weil er der Auffassung ist, dass die parlamentarischen Demokratien nicht in der Lage sind, die nötigen Restriktionen durchzusetzen. Dass also gewählte Regierungen nicht die Kraft haben, gegen die Mehrheit der Wähler hart durchzugreifen, Betriebe stillzulegen und Einschränkungen von Konsum und Mobilität durchzusetzen. Deshalb glaubt er, dass eine autoritäre Formation, wie sie in China herrscht, eher in der Lage sein wird, die Wende zum Weniger umzusetzen.

Vom Prinzip einer ökologischen Ökonomie

Mal ganz davon abgesehen, welche Illusionen er sich über China macht, halte ich es für vollkommen inakzeptabel, Ökologie und Demokratie gegeneinander auszuspielen und im Namen der Ökologie eine massive Einschränkung demokratischer Freiheiten zu fordern. Es ist, natürlich, die stärkste denkbare Legitimation, wenn man sich auf das Überleben der Menschheit beruft – da scheint jeder Eingriff, jeder Zugriff gerechtfertigt. Das halte ich für einen gefährlichen Irrweg. Nicht nur weil Demokratie ein Wert an sich ist und demokratische Grundrechte sowie gesellschaftliche Selbstregierung auf keinen Fall zur Disposition gestellt werden dürfen. Ich bin auch zutiefst überzeugt, dass ein autoritäres Kontrollregime der falsche Weg ist, um mit der ökologischen Krise fertig zu werden. Natürlich ist es richtig, dass wir alle in unserer privaten Lebensführung ökologische Verantwortung übernehmen müssen. Natürlich ist es richtig, möglichst mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren und weniger Fleisch zu essen. Niemand muss unbedingt am Wochenende zum Shoppen nach London düsen oder alle paar Wochen Kurzurlaub auf Mallorca machen. Aber selbst, wenn wir uns sehr verantwortlich verhalten, können wir durch veränderte Lebensstile vielleicht 20 oder maximal 30 % der nötigen Reduktion der CO2-Emissionen erreichen.

Klimaneutral zu werden heißt für die hochindustrialisierten Gesellschaften: Reduktion von Treibhausgasen gegen Null. Das ist durch die Privatisierung der Klimafrage schlichtweg nicht zu erreichen. Nicht durch Einschränkungen und Verzicht, sondern vor allem durch eine Revolution unserer Produktionsweise. Der Klimawandel ist das Resultat der fossilen Industriegesellschaft, die ihren Reichtum auf der Basis der scheinbar unbegrenzten Verfügbarkeit von Kohle, Öl und Gas vermehrt hat. Das ist der Hebel, den wir ansetzen müssen. Wir müssen die Transformation von einer fossilen in eine postfossile Industriegesellschaft schaffen: in eine Solar-Wasserstoff-Ökonomie, die auf der Photosynthese beruht. Also auf der Umwandlung von Sonnenlicht, Wasser und CO2 in chemische Energie, auf der die biologische Welt mit ihrem ganzen Reichtum aufbaut. Die Natur ist nicht karg. Selbst in der Sahara blüht es im Verborgenen. Die Kombination aus Photosynthese und stofflichen Kreisläufen ist das Prinzip einer ökologischen Ökonomie. Es geht um nichts weniger als eine grüne industrielle Revolution: den Übergang zu erneuerbaren Energien, nachwachsenden Rohstoffen und synthetischen Kraftstoffen, die auf der Basis erneuerbarer Energie produziert werden. Das kann man durchbuchstabieren bis zur Chemie, zur Stahlindustrie oder der Zementherstellung.

Decoupling als Kern einer grünen industriellen Revolution

Die große Herausforderung ist, wie wir den Übergang in eine klimaneutrale Industriegesellschaft schaffen, die in der Lage ist, die Bedürfnisse von demnächst 10 Milliarden Menschen auf der Welt zu befriedigen. Wir müssen unsere destruktiven Einwirkungen auf das Ökosystem reduzieren. Zugleich leben wir in einer wachsenden Weltgesellschaft. Die Menschenzahl wächst, und die Urbanisierung ist ein enormer Schub für Bautätigkeit, Infrastruktur und Energiebedarf. Heute lebt rund die Hälfte der Menschen in Städten. Die UN sagen voraus, dass es 2050 bis zu 80 % sein werden. Nicht zuletzt treibt der Aufstieg von Milliarden Menschen aus bitterer Armut in die moderne Mittelschicht das wirtschaftliche Wachstum an.

Diese Wachstumsprozesse wird niemand aufhalten. Für die große Mehrheit der Weltbevölkerung ist sozialer Aufstieg nach wie vor an Wirtschaftswachstum gebunden. „Degrowth“ ist global betrachtet eine reine Illusion. Die entscheidende Herausforderung ist, die Wohlstandsproduktion für eine wachsende Weltgesellschaft vom Naturverbrauch zu entkoppeln. Das ist keine Fata Morgana. Decoupling ist der Kern einer grünen industriellen Revolution. Dafür spielen Kreislaufökonomie und Cradle to Cradle eine zentrale Rolle – also das Prinzip, dass jedes Produkt wieder in den biologischen oder den industriellen Kreislauf zurückgeführt werden muss. Ein zweiter Faktor ist eine sprunghafte Steigerung der Ressourceneffizienz: aus weniger mehr machen. Drittens geht es um den Übergang zu einer Solar-Wasserstoff-Ökonomie.

Keine Frage: Die Strapazierfähigkeit der Ökosysteme ist begrenzt. Wir dürfen die planetarischen Grenzen nicht überschreiten. Aber die Einstrahlung der Sonne auf die Erde ist praktisch unbegrenzt. Wir nutzen sie momentan nur zu einem minimalen Anteil. Auch die menschliche Erfindungskraft ist unbegrenzt. Sie hat uns über die letzten 200 Jahre, seit Beginn der Industriellen Revolution, zu enormen Fortschritten geführt: Eine Verdoppelung der Lebenserwartung bei gleichzeitigem Anstieg der Weltbevölkerung um den Faktor 7, ein ungeheurer Anstieg des Bildungsniveaus, der politischen und sozialen Teilhabe. Alles das ist mit der wissenschaftlich-technischen Revolution und der Ausbreitung der Demokratie entstanden. Das sind die beiden Elemente der Moderne, die wir nicht preisgeben dürfen. Sie sind auch die Antwort auf die ökologische Krise.

Ein erschöpfter Planet und die Zukunft des Bauens

Ein erschöpfter Planet und die Zukunft des Bauens 1280 960 C2C LAB

Lamia Messari-Becker hat vier Jahre lang die Bundesregierung in Umweltfragen beraten. Sie ist Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik und setzt sich schon seit einigen Jahren für eine verstärkte Integration der Gebäude- und Stadtentwicklung in die Klimapolitik ein. Am 15. Oktober unterhielt sie sich im virtuellen LAB Talk mit Tim über die Entwicklung des Welterschöpfungstags, die potenziellen Auswirkungen von Ressourcenausweisen und über Gebäude der Zukunft.

Lamia Messari-Becker ist Bauingenieurin und war vier Jahre lang Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, auch Umweltrat genannt. Der untersteht fachlich dem Bundesumweltministerium, begutachtet die Umweltsituation in Deutschland und spricht Empfehlungen aus. Wieso es unabdingbar ist, eine Gebäudeexpertin im Umweltrat sitzen zu haben, erzählte uns Lamia gleich zu Beginn: 30 % der CO2 Emissionen, 60 % des Abfallaufkommens, 40 % des Energie- und Ressourcenverbrauchs und 70 % der Flächenversiegelung gingen auf die Baubranche zurück, so Lamia. Der Bausektor müsse also eine deutlich größere Rolle in der deutschen Klimapolitik spielen. Neben ihren politischen und Lehrtätigkeiten forscht sie zu Ressourceneffizienz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Hoch- und Städtebau sowie zu kommunalen Strategien des Klimaschutzes. Seit diesem Jahr ist sie außerdem Mitglied im Club of Rome. Die internationale Denkfabrik wurde 1968 gegründet und setzt sich mit Expert*innen aus mehr als 30 Ländern für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit ein.

Covid-19 und die planetare Erschöpfung

Am 22. August 2020 war Welterschöpfungstag. Das heißt, seit diesem Tag übersteigt der menschliche Konsum von nachwachsenden Rohstoffen die Kapazität der Erde, diese Stoffe zu reproduzieren. Bis Ende dieses Jahrs bräuchten wir also mehr als eine Erde, damit unser Konsum nicht die planetaren Grenzen übersteigt. 1970 war das erste Jahr, in dem der jährliche Verbrauch die Menge der global zur Verfügung stehenden Rohstoffe überstieg. Seitdem rückt der Erdüberlastungstag immer früher ins Jahr hinein. Bis auf dieses Jahr. 2020 ist der Tag, im Vergleich zum Vorjahr um 24 Tage nach hinten gerückt. Das ist, da sind sich Wissenschaftler*innen einig, auf die Corona Pandemie zurück zu führen und nicht etwa auf die internationale Klimapolitik. Dieses Jahr war und ist auf der ganzen Welt vieles stillgelegt. Laut Tim waren 90 % aller Flüge gestrichen, der internationale Handel wurde eingeschränkt und Infrastrukturprojekte auf Eis gelegt. Vieles lief langsamer ab als vor der Pandemie. Trotz dieser Einschränkungen haben wir bis zum Welterschöpfungstag nur 24 Tage hinzugewonnen. Auch 2020 bräuchten wir Berechnungen zufolge 1,56 Erden, um unsere weltweite Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen zu erfüllen. Und das, obwohl unser Individualkonsum gefühlt sehr drastisch zurück gegangen sei, sagte Lamia. Dies zeige, dass die Musik woanders spiele. Zu entscheiden, dass hier und da eine Straße autofrei gemacht werde oder an Menschen zu appellieren, weniger zu fliegen, sei richtig, werde aber das Ruder nicht herumreißen. Es müssten stattdessen ganze Branchen umgestaltet werden. „Wenn wir uns beispielweise die Abfallproduktion angucken kommt 60 % davon aus der Baubranche. Das sind riesige Mengen, diese gilt es anzugehen“ sagte sie.

Ein Ressourcenausweis für die Zukunft

Umfragen in Europa haben gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger*innen den menschlich gemachten Klimawandel als politisch hoch relevant ansehen. Es tue sich trotzdem nicht genug, so Tim. „Die Buchveröffentlichung ‚Die Grenzen des Wachstums‘ des Club of Rome ist fast 50 Jahre her. Wie schaffen wir jetzt einen effektiven Wandel? Wir wollen in 50 Jahren nicht schon wieder zurückdenken und uns fragen müssen wieso wir nicht genug getan haben, obwohl wir es doch wussten“, sagte er. Lamia betonte, anstelle eines oft geforderten ‚system change‘ sei es deutlich effizienter, Probleme und Abläufe zu reformieren, neu zu entwickeln und anzupassen. Ihr fehle in der Klimabewegung oft die Diskussion über zukunftsfähige, grüne Geschäftsmodelle. Zum Beispiel wurden seit 1990 die Emissionen in der Baubranche um 30 % reduziert. Gleichzeitig sei aber der Materialverbrauch gestiegen. Deshalb müsse ganz konkret der Ressourcenverbrauch geregelt werden. Dazu müssten Produkte neu bepreist werden, damit sie ihre tatsächlichen Kosten widerspiegeln. Dazu zähle auch, dass die Materialauswirkungen auf die Umwelt und Kreislauffähigkeit mit in den Preis einfließen. Ein Ressourcenausweis, also ein Zertifikat, das den Lebenszyklus eines Materials bewertet, sei ebenfalls notwendig, so Lamia. Dieser würde Energieaufwand, CO2-Ausstoß und Kosten gleichermaßen betrachten. Die Gebäudenutzung sei nur eine Lebensphase eines Gebäudes. Herstellungsphase, Sanierung, Renovierung und Abriss seien weitere, die auch mit bedacht werden müssten. Ein Ressourcenausweis würde für alle Gebäude erfassen, wie viele Rohstoffe es wirklich verwendet. Dadurch würde das Bewusstsein für die Emissionen im gesamten Lebenszyklus geweckt werden und so neue Anreize für Innovationen entstehen. Dies helfe wiederum dabei, dass Preise von Rohstoffen ihre tatsächlichen Kosten besser reflektieren.

Von angemessenen Preisen zu Kreisläufen

Die Bepreisung von Rohstoffen sei das eine, so Tim. Es sei ebenfalls zwingend notwendig, Materialien im Bau zu verwenden, die kreislauffähig sind. Dafür sei die Bestandssanierung des C2C LAB 2019 ein treffendes Beispiel. Bei der Sanierung des Ostberliner Plattenbaus wurden Materialien gefunden, die hier eigentlich gar nicht hingehörten, so Tim. KMF-Deckenplatten, beispielweise, die aus künstlichen Mineralfasern, Füllstoffen und Bindemitteln bestehen. Die seien nicht recyclebar und können nicht richtig entsorgt werden. „Deshalb haben wir uns natürlich bei der Sanierung all diese Fragen gestellt. Vom eigentlichen Preis von Rohstoffen, über die Kreislauffähigkeit von Materialien, gesunde Wandfarben und trennbaren Fenstern bis hin zu rückbaubaren Dämmungen. Wir wollen so aktiv verhindern, dass unser Baumaterial nach einer Nutzungsphase zu Sondermüll wird“, so Tim. Viel zu viel Baumaterial auf dem Markt sei aber nicht recyclebar. Lamia, als Expertin für Ressourceneffizienz, erklärte, wie sich das ändern lässt. „Ökobeton, zum Beispiel, wurde in der Schweiz direkt als Standard übernommen. In Deutschland sind wir was innovative Ideen angeht noch zu konservativ. Wir müssen Zulassungsverfahren flächendeckend vereinfachen, den Umstieg auf gesündere und kreislauffähigere Materialien attraktiver machen und über regionale Standpunkte nachdenken. Hier spielt neben der Baubranche auch die Politik eine große Rolle“, findet Lamia.

Das Gebäude der Zukunft

Neben Kritik an der momentanen Baubranche, haben Lamia und Tim auch über eine positive Zukunftsvision gesprochen. Für diese ist laut Lamia eine Kreislaufwirtschaft unabdingbar. Es sei hochrelevant, zeitnah eine Lebenszyklus-basierende Wirtschaft in der Baubranche zu standardisieren. Um Unternehmen Anreize für den Umstieg zu schaffen, müsse die öffentliche Hand, also Städte und Kommunen, ihre Beschaffungen nach Nachhaltigkeitsaspekten umgestalten. Das würde zu wachsender Nachfrage nach kreislauffähigen Rohstoffen bei Unternehmen führen. Am Anfang könnte der Umstieg mehr Geld kosten, aber auf den gesamten Lebenszyklus eines Materials geblickt sei es ein finanzieller sowie ökologischer Gewinn für die ganze Kommune oder Stadt. Cradle to Cradle NGO baut aus diesem Grund dieses Jahr ihr Referat Städte und Kommunen (SUK) weiter aus. Dort arbeiten Mitarbeiter*innen daran, Regionen bei der Verankerung von C2C zu unterstützen, beispielsweise über entsprechende Beschaffungsrichtlinien. Die Arbeit von C2C NGO sei für die Baubranche sehr wichtig, so Lamia. Um Zukunftsideen zu etablieren müssten wir experimentieren. Das heiße in dem Fall: machen und bauen – zeigen, dass es funktioniere. Dafür seien informierte Städte und Kommunen unabdingbar. Dabei könne die Arbeit von C2C NGO behilflich sein.

Aus hohen Ansprüchen folgt hohe Qualität

Aus hohen Ansprüchen folgt hohe Qualität 1280 640 C2C LAB

1982 hat Jürgen Hack gemeinsam mit Kerstin Stromberg Sodasan gegründet. Damals wurden die ersten Mischungen für Reinigungsmittel noch im Betonmischer produziert und die erste Rezeptur hieß aufgrund eines Druckfehlers „Spürmittel“ statt „Spülmittel“. Seither ist der Vordenker für ökologische Wasch- und Reinigungsmittel und Nachhaltigkeitspionier mit Sodasan einen langen Weg gegangen. Im LAB Talk mit Nora hat sich Jürgen am 30.07. über sein Verständnis eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatzes und die politischen Rahmenbedingungen dafür unterhalten.

Nach seinem Chemie-Studium hat Jürgen Hack zunächst in der Erdölbranche gearbeitet. Dann verliebte er sich, hängte ein Studium der Sozialwissenschaften dran und fand dann doch den Weg zurück zur Chemie. Statt auf Erdöl konzentrierte er sich allerdings auf die Idee, ökologische Reinigungsmittel zu entwickeln – auch durch den Einfluss seiner nachhaltigkeitsbewussten Partnerin. Daraus entstand schließlich das Unternehmen Sodasan. Man glaubt ihm, wenn er davon erzählt, er sei nie dem Geld hinterhergelaufen. Trotzdem ist Sodasan heute ein finanziell gesundes Unternehmen. Seiner Überzeugung nach komme diese gesunde Ökonomie von allein, wenn man hohe ökologische und soziale Ansprüche erfülle und damit qualitativ hochwertige Produkte liefere. Um diesen Ansprüchen zu entsprechen, verfolgt Jürgen mit Sodasan einen ganzheitlichen Ansatz. Dazu, so sagte er, gehöre auch, Cradle to Cradle in allen Bereichen umzusetzen.

Von erneuerbarer Energie in der Produktion bis hin zu biologisch abbaubaren Reinigungsmitteln

Viele Konsument*innen würden bei Reinigungsmitteln nur nach biologischer Abbaubarkeit fragen. Für Jürgen hingegen ist das nur der letzte Teil der Produktbiografie, wenn auch ein wichtiger. Welche Energieform wird zur Produktion verwendet? Woher kommen überhaupt die Rohstoffe, sind sie nachwachsend oder petrochemisch? Und wenn sie nachwachsend sind, stammen sie aus ökologischem Landbau? All dies müsse bei der Produktentwicklung und Produktion beachtet werden, was auch Achtsamkeit bei der Wahl der Lieferant*innen fordere, sagte er.

Auch für C2C NGO sind transparente und nachvollziehbare Lieferketten enorm wichtig. Denn die Frage, ob soziale Standards bei der Herstellung eingehalten wurden, oder ob importierte Produkte möglicherweise Schadstoffe enthalten, hängt direkt davon ab. Allein aus Gründen der künftigen Wettbewerbsfähigkeit ist es kaum nachvollziehbar, dass es nur wenige Unternehmen wie Sodasan gibt, die sich diese Transparenz selbst auferlegen. Das diskutierte Lieferkettengesetz würde dabei helfen, dies zu ändern.

Die wahren Kosten der Herstellung müssen im Preis abgebildet werden

Weil Sodasan auf Qualität achtet, sind die Reinigungs- und Waschmittel aber oft teurer als konventionelle Produkte von den Big Playern. „Auch wenn wir biologische Rohstoffe einsetzen, wäscht das Waschmittel ja nicht besser“, sagte Jürgen. Ihn störe allerdings, dass die höheren Kosten an einem System lägen, in dem die wahren Kosten der Herstellung nicht in den Preisen abgebildet würden. Ein Argument, dem Nora voll zustimmte. Die Kosten für Schäden der Produkte an Mensch und Natur trage die Allgemeinheit, während die Gewinne privatisiert würden.

Aus der Nische heraus weiter zu wachsen sei kompliziert, sagte Jürgen. Man müsse sich dafür einem anderen Umfeld aussetzen, einem Ellbogen-wirtschaften, das härter und unsolidarischer als in der Ökobranche üblich um die Preise feilsche. Und das ist für Jürgen, dem es nach wie vor „nicht um größtmögliche Rendite geht“, fremd. Andererseits: „Was nützt es, ökologische Produkte zu haben und niemand kauft sie?“ Jürgen sieht sein Engagement mit Sodasan vor diesem Hintergrund auch gerne als Impulsgeber. Vor 40 Jahren gab es kaum Nachfrage für ökologische Produkte. Heute, nicht zuletzt auch durch Bewegungen wie Fridays for Future, sei das Bewusstsein dafür geschärft.

Jürgen sieht auch die Bemühungen großer Hersteller in Richtung mehr Nachhaltigkeit positiv – wenngleich es sich um kleine Schritte handele. Wenn Unternehmen mit kleinem ökologischem Fortschritt viele Menschen erreichten, bewirke das vielleicht mehr, als wenn ganzheitlich ökologische Hersteller nur Wenige erreichten, erläuterte Jürgen. Unterm Strich reichen die Bemühungen dem Nachhaltigkeitspionier aber natürlich nicht aus. Er wünscht sich in allen Belangen einen ganzheitlichen Ansatz: „Wir sind noch nicht am Ziel, wir sind auf dem Weg“, sagte er. Was er sich für die Zukunft wünschen würde? Mehr ökologischen Landbau und eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft als Grundlage. Er versuche mit Sodasan ein Vorbild zu sein und wolle weiterhin Impulse für eine bessere Zukunft setzen.

Von mangelnder Geschwindigkeit beim Umweltschutz und dem Green Deal als Chance für Europa

Von mangelnder Geschwindigkeit beim Umweltschutz und dem Green Deal als Chance für Europa 1536 1024 C2C LAB

Canan Bayram ist direkt gewählte Bundestagsabgeordnete des Berliner Wahlbezirks Friedrichshain-Kreuzberg – und da befindet sich auch unser C2C LAB. Mit Tim sprach die Grünen-Politikerin und Juristin im LAB Talk unter anderem darüber, was sich der Rest der Welt von diesem bunten Kiez abschauen kann, welches Alleinstellungsmerkmal die Grünen auszeichnet, wenn alle Parteien über Nachhaltigkeit reden und warum es in Berlin viele Orte wie das C2C LAB geben sollte.  

Canan Bayram hat unser C2C LAB zuletzt bei der Eröffnungsfeier im September 2019 besucht – und seither ist viel passiert. Unter anderem konnten wir durch die Corona-Maßnahmen lange keine Gäste vor Ort empfangen und haben daher die digitalen LAB Talks etabliert. Dabei war klar: Sobald es wieder möglich ist, wollen wir vort Ort mit der Bundestagsabgeordneten darüber sprechen, wie sie die vergangenen Monate erlebt hat und wie sich die Nachhaltigkeitsdiskussion in der Politik aus ihrer Sicht in dieser Zeit verändert hat – auch vor dem Hintergrund des Corona-Pakets, dass die Bundesregierung geschnürt hat, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern. Am 25. Juni war es soweit.  

“Mein Eindruck ist, dass das Thema Nachhaltigkeit so drängend ist, dass es während Corona nicht von der Agenda gerutscht ist”, sagte Canan. Die Diskussion um die Hilfen für die Autoindustrie habe gezeigt, dass ein Bewusstsein dafür da sei, dass es nicht weitergehen könne wie bisher. Das schreibt Canan auch den Demonstrationen junger Menschen in den vergangenen beiden Jahren zu: “Auch wenn die Jugend derzeit nicht mehr so präsent auf die Straße gehen kann, sie wird mit ihrem Anliegen noch gehört”, ist sich Canan sicher.  

CradletoCradle im öffentlichen Diskurs  

Auch Cradle to Cradle sieht sie in diesem Zusammenhang im Diskurs angekommen. Es werde zunehmend darüber diskutiert, dass schon bevor ein Produkt hergestellt oder ein Gebäude gebaut wird, darüber nachgedacht werden muss, was damit nach der Nutzung geschehen soll. Unter anderem wird im Action Plan Circular Economy der EU-Kommission darauf abgehoben, dass nachhaltiges und zirkuläres Wirtschaften bereits beim Design beginnen müsse. Eine Position, die dem C2C Designkonzept entspricht und von uns als NGO daher begrüßt wird.  

Doch wie geht Canans Partei Bündnis 90/Die Grünen damit um, dass solche Positionen auf nationaler und europäischer Ebene nun auch bei jenen Parteien angekommen sind, die sich traditionell wenig mit den Themen Klima und Umwelt beschäftigt haben? “Wir freuen uns, wenn solche wichtigen Themen Konsens werden, aber wir prangern auch an, wenn Greenwashing betrieben wird”, so Canan. Sie sieht gute Chancen für die Grünen, nach der nächsten Bundestagswahl Regierungsverantwortung zu übernehmen, gerade weil sich mit Klima- und Umweltschutz ein traditionell grünes Thema in der Breite durchgesetzt hat. “Jetzt kommt es auf uns an, wir haben die Leute, die dafür brennen und stehen in den Startlöchern. Wir lassen uns da aber nichts vormachen: Wir haben uns die Kompetenz für diese Themen über Jahrzehnte angeeignet”, so Canan.  

Dieser Zeitraum, warf Tim an dieser Stelle ein, spreche allerdings auch für mangelnde Geschwindigkeit. “Wir diskutieren noch immer über die Themen, über die Einige vor 30 Jahren schon diskutiert haben”, sagte er. Die Frage heute sei doch: Wie erreichen wir einen schnellen Wandel, und zwar innerhalb eines demokratisch erreichten Konsenses? Canan ist davon überzeugt, dass die Veränderungsbereitschaft der Bürger*innen heute größer sei als vor Corona – und damit eine der bisherigen Hürden zumindest niedriger geworden ist. “Wenn der politische Wille da ist und damit die Macht, die sich aus einer demokratischen Wahl ergeben hat, dann sind große Veränderungen möglich”, sagte sie. Es brauche aber auch eine Vision und die Vorstellung davon, was geleistet werden könne. “Und dafür braucht es eben auch Orte wie euren hier, wo man hingehen kann und sich die konkrete Umsetzung einer Idee anschauen kann. Wenn es solche Räume gibt haben wir die Kraft, diese Veränderung auch in den Mainstream zu bekommen”, so Canan.  

Friedrichshain-Kreuzberg verbindet Freiheit mit Verantwortung 

In Canans Wahlbezirk Friedrichshain-Kreuzberg sind viele Veränderungen, die auch Cradle to Cradle anstrebt, bereits Realität. Nicht unbedingt im Bereich kreislauffähiger Gebäude oder vieler Unternehmen, die C2C umsetzen. Aber Prinzipien wie Wiederverwenden und Teilen und ein gesundes soziales Miteinander, die eben auch Teil von C2C sind, werden hier stärker gelebt als in anderen Stadtteilen oder Städten. Gleichzeitig steht der Bezirk aber eben auch für eine hedonistische Lebensweise, die die Menschen und das Leben selbst feiert. “Manchmal sind wir aus all diesen Gründen das Schreckgespenst, dass die CDU gerne aufmalt. Aber wir zeigen eben auch, dass es möglich ist, Freiheit so mit Verantwortung zusammen zu bringen, dass es keine Last ist”, so Canan.  

Nachholbedarf hat Berlin aus C2C-Sicht aber noch an vielen Stellen. Ein guter Start wäre, Cradle to Cradle als Kriterium für öffentliche Ausschreibungen einzuführen, wie auch ein Zuschauer bemerkte. Rechtlich sei dies durchaus möglich, so Canan. Und zudem sei der Zeitpunkt gut, solche Forderungen zu stellen, da die Parteien bald damit beginnen, an ihren Wahlprogrammen für die nächste Wahl zu schreiben. “Ich nehme diesen Vorschlag gerne mit und reiche sie an das Land Berlin weiter”, sagte Canan. Der Einfluss der Politik auf die landeseigenen Wohnbaugesellschaften sei “ausbaufähig”. Die Verankerung von C2C-Kriterien in Ausschreibungen seien daher ein probater Anreiz für diese Gesellschaften.  

Der Green Deal als “große Chance für Europa” 

Wichtiger sei es allerdings, auf übergeordneter, und damit auf europäischer Ebene, Rahmenbedingungen für eine lebenswerte Zukunft zu setzen. Ein Gesetz wie jenes zum Verbot von Einwegplastik wäre im nationalen Rahmen nur schwer umzusetzen gewesen, so Canan. “Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will den europäischen Markt regulieren damit sich die Wettbewerbsvoraussetzungen ändern und niemand einen Wettbewerbsnachteil hat. Dann ist es einfacher, bestimmte Dinge in den Markt zu bringen. Das ist eine große Chance für Europa”, schätzt Canan den European Green Deal ein. Hoffnung gibt ihr dabei auch, dass von der Leyen mit der Unterstützung von Ländern ins Amt gewählt wurde, die “normalerweise nicht an der ersten Reihe von Veränderung stehen”. Das sei “ein Hinweis darauf, dass man diese Länder bei Umweltpolitik Einklang mit Wirtschaftspolitik mitnehmen kann”.  

Cradle to Cradle aus nationalen Roadmaps in europäische Gesetze bringen

Cradle to Cradle aus nationalen Roadmaps in europäische Gesetze bringen 1116 835 C2C LAB

LadejaGodinaKošir ist eine der zentralen europäischen Netzwerkerinnen für eine umfassende Kreislaufwirtschaft. Im ersten englischen LAB Talk erklärt sie im Gespräch mit Tim, warum CradletoCradle in den Action Plan Circular Economy einfließen sollte und warum nationale Roadmaps dafür eine gute Voraussetzung sind.  

Dass Ladeja Godina Košir eine überzeugte Europäerin ist, zeigt sich allein daran, dass sie fünf Sprachen spricht. Darunter ein wenig Deutsch, ihre Muttersprache Slowenisch und Englisch. Im ersten englischen LAB Talk wurde aber auch darüber hinaus deutlich, dass ihr die Entwicklung und Zukunftsfähigkeit der EU und Europas am Herzen liegt. Und, dass sie eine Transformation der europäischen Wirtschaft in eine echte Kreislaufwirtschaft als den Weg sieht, diese Zukunftsfähigkeit zu sichern.  

Die dreifache Mutter ist nicht nur Gründerin und Executive Director der slowenischen Stakeholder-Plattform Circular Change, sondern leitet seit 2017 auch die Koordinationsgruppe der European Circular Economy Stakeholder Platform, die unter anderem von der EU-Kommission gegründet wurde.  In der Koordinationsgruppe sind 24 Organisationen, Branchenverbände und NGOs vertreten, die die Einführung einer europäischen Kreislaufwirtschaft vorantreiben wollen. “Wir wollen die Botschaft verbreiten, zum Mitmachen einladen, unser Wissen sowie Praxisbeispiele teilen”, erklärte Ladeja beim LAB Talk am 28. Mai im Gespräch mit Tim.  

Natürliche Kreisläufe als Vorbild nehmen  

Der Kern ihrer Botschaft: Kreislaufwirtschaft sei ein Werkzeug, um unsere Lebensqualität künftig zu erhalten. Als Vorbild und Argument dafür dienten die Kreisläufe der Natur. “Wenn man seinen logischen Menschenverstand nutzt und darüber nachdenkt, was es braucht, um Lebensqualität und einen bestimmten Lebensstandard zu erhalten, dann kommt man automatisch zur Circular Economy”, so Ladeja.  

Wie auch Tim, erkennt Ladeja einen Trend, dass sich diese Erkenntnis zunehmend durchsetzt. Vor fünf Jahren sei Kreislaufwirtschaft lediglich unter politischen Entscheidungsträger*innen ein gängiger Begriff gewesen. Für die meisten Wirtschaftsakteur*innen sei es dabei lediglich um Abfallmanagement gegangen. “Langsam sehen wir, dass die Wirtschaft darin eine branchenübergreifende Chance erkennt”, so Ladeja. Auch C2C NGO wolle Politik und Unternehmen an einen Tisch bringen, so Tim. “Alle Stakeholder zu vernetzen und so Cradle to Cradle voranzubringen ist Kern unserer Arbeit. Denn unsere Ziele werden wir nur erreichen, wenn alle an einem Strang ziehen”, sagte er.   

Allerdings, auch da stimmten die beiden überein, halte die Angst vor Veränderung viele Entwicklungen nach wie vor auf. Dabei, so Ladeja, sei es wichtig, Herausforderungen anzunehmen und Veränderungen als Chance zu erkennen, die Dinge besser zu machen. “Gerade treffen mit   Corona und der Klimakrise zwei Krisen aufeinander. Das lähmt die Menschen. Aber wir müssen für neue Lösungen und den Umgang damit offenbleiben”, sagte sie. Der Wille, Umzudenken, sei auf dem Weg zu einer lebenswerten Zukunft für alle wichtiger als einzelne Bausteine wie etwa die zweifelsohne benötigte Senkung der CO2-Emissionen.   

Bausteine unseres Systems neu zusammensetzen 

Corona habe gezeigt, dass viele Systeme, in denen wir uns bewegen, nicht mehr funktionieren. Sie nannte das Gesundheits- und Bildungswesen sowie das Wirtschaftssystem als Beispiele dafür. Um auf die künftigen Herausforderungen für Menschen und die Umwelt reagieren zu können, sei es daher notwendig, diese Systeme umzubauen. “Wie bei einem Lego-Bauwerk müssen wir die einzelnen Bauteile voneinander trennen und das Bauwerk neu aufbauen. Wir lösen unsere Probleme nicht, indem wir zurück in die Höhle kriechen und verzichten, sondern indem wir neue Wege gehen”, so Ladeja.  

Auch der Weg zu einer europäischen Kreislaufwirtschaft bestehe aus vielen einzelnen Bauteilen, so Ladeja, und meint damit vor allem nationale Roadmaps. Ladeja schrieb 2016 an der National Roadmap Circular Economy in Slowenien mit und erzählte, welche Erfahrungen sie daraus für ihre Arbeit auf europäischer Ebene zog. “Wir müssen regionale Unterschiede beachten. In einem Land, das früher kommunistisch war, braucht es andere Herangehensweisen, um die Menschen davon zu überzeugen, dass beispielsweise Sharing-Modelle zukunftsfähig sind und die Menschen dafür nicht zurückstecken müssen”, sagte sie. Dort habe Eigentum aus historischen und kulturellen Gründen einen ganz anderen Stellenwert als in anderen Ländern. Die Roadmaps ermöglichten wichtige Einblicke in die regionalen Gegebenheiten und die dortigen Stakeholder und eine steile Lernkurve von Region zu Region. “Das ist eine gute Ausgangsbasis für eine breite Einführung von Kreislaufwirtschaft”, ist sie überzeugt. Das entspricht auch dem Gedanken von Cradle to Cradle. Die C2C Denkschule beinhaltet, dass regionale Unterschiede und Vielfalt in der Ausgestaltung einer C2C-Welt beachtet und positiv genutzt werden.  

CradletoCradle in den Aktionsplan Kreislaufwirtschaft einbringen 

Diese Gangart ist für Ladeja auch die einzige Möglichkeit, auf globaler Ebene etwas zu bewegen. Es funktioniere nicht mehr, etwa Entwicklungsländern Denkweisen überstülpen zu wollen. Insbesondere, wenn es um Klima- und Umweltschutz gehe. “Viele Menschen in diesen Ländern leben besser mit der Natur im Einklang als wir es tun”, so Ladeja. Stattdessen müsse zusammengearbeitet werden, um gemeinsam Lösungen zu finden, die auf regionaler und globaler Eben funktionierten.  

Das Konzept Kreislaufwirtschaft und Cradle to Cradle als breiterer Ansatz müssen für Ladeja dabei Hand in Hand gehen. “Die Koexistenz von Menschen und Umwelt, die bei Cradle to Cradle elementar ist, muss auch im Sinne der Kreislaufwirtschaft stärker betont werden. Der technologische und der biologische Kreislauf werden bei C2C nicht nur perfekt beschrieben, sondern vor allem auch durch Lösungen möglich gemacht”, sagte sie. Das gelte auch für jene Bereiche wie Textilien, Plastik oder den grundsätzlichen Umgang mit Ressourcen, die im Aktionsplan Kreislaufwirtschaft der EU enthalten sind. Daher sollte ihrer Meinung nach möglichst viel C2C in diesen Aktionsplan einfließen. “Viele C2C-Standards könnten dazu beitragen, die Transformation schneller voranzubringen”, so Ladeja abschließend.